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Kontext und Kompetenz: Kinder- und Jugend-Survey Schweiz

Zusammenfassung der Resultate

Ausgangslage
Der Schweizerische Kinder- und Jugendsurvey COCON (comptence and context) untersucht als erste repräsentative und interdisziplinäre Langzeitstudie in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz die Lebensverhältnisse, Lebenserfahrungen und psychosoziale Entwicklung von insgesamt mehr als 3000 Heranwachsenden. Vergleichend werden drei prototypische Stadien des Aufwachsens erforscht – mittlere Kindheit (6-Jährige), mittlere Adoleszenz (15-Jährige) und spätes Jugend- bzw. frühes Erwachsenenalter (21-Jährige). Die Studie hat zum Ziel, die Kompetenzentwicklung und die Bewältigung von wichtigen Übergängen im kindlichen und jugendlichen Lebenslauf (z.B. Schuleintritt, Oberstufenübertritt, Übergang in die Berufsausbildung und ins Erwerbsleben) aus einer Lebenslaufperspektive zu analysieren. Bezüglich der Kompetenzentwicklung stehen die sozialen und produktiven Fähigkeiten im Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Erstere sind Fertigkeiten, welche die Qualität des Sozialverhaltens bestimmen, den respektvollen und toleranten Umgang miteinander fördern sowie die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben beeinflussen. Bei Letzteren handelt es sich um überfachliche und lebensbereichsübergreifende Fähigkeiten, die ein effizientes und effektives Handeln in leistungsbezogenen Handlungssituationen wie der Schule, der beruflichen Ausbildung oder dem Arbeitsplatz ermöglichen. Das Erkenntnisinteresse der Studie zielt darauf ab, die komplexen Wechselwirkungen zwischen sozialem Umfeld und individuellem Entwicklungsprozess zu erforschen. Insbesondere wird die Bedeutung von verschiedenen Opportunitätsstrukturen und unterschiedlich ausgestalteten Lern- und Erfahrungsräumen in Familie, Schule, Freundeskreis und Freizeit für die Kompetenzentwicklung und die Bewältigung von Übergängen im Lebenslauf untersucht. Aufgrund der altervergleichenden und längsschnittlichen Anlage der Studie können neue Erkenntnisse zur relativen Bedeutung verschiedener Sozialisationskontexte für den kindlichen und jugendlichen Entwicklungsprozess gewonnen werden.

COCON ist als Langzeitstudie angelegt und umfasst repräsentative Stichproben für die drei Alterskohorten der 6-Jährigen (N=1272), 15-Jährigen (N=1255) und 21-Jährigen (N=584) in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz. Die Grundlage bildet dabei die Wohnbevölkerung der entsprechenden Alterskohorten. Die Zielpersonen wurden in einem zweistufigen Auswahlverfahren gezogen. Im Jahre 2006 fand die erste Befragungswelle mit den Zielpersonen anhand von CAPI-Interviews (computer-aided personal interviews) statt. Bei den 6- und 15-Jährigen wurden zusätzlich die Hauptbetreuungsperson sowie eine Lehrperson (bei den 6-Jährigen die Kindergärtnerin) schriftlich befragt. Die Befragung der Kinder und Jugendlichen soll alle drei Jahre erfolgen. Zudem werden kurz vor und nach wichtigen Übergängen im Lebenslauf zusätzliche Datenerhebungen durchgeführt (z.B. vor und nach Schuleintritt, vor und nach Ende obligatorischer Schulzeit).

COCON ist von einmaliger Bedeutung für die Schweiz, weil die sozialen Bedingungen des Aufwachsens und ihre Bedeutung für den kindlichen und jugendlichen Entwicklungsprozess ersmals systematisch und anhand von repräsentativen Stichproben kontinuierlich erforscht werden. So liefert die Studie neue und für die Schweiz dringend notwendige Erkenntnisse über die komplexe Wechselwirkung zwischen sozialem Umfeld und individuellem Entwicklung im Prozess des Aufwachsens. Vor diesem Hintergrund sollen exemplarisch die wichtigsten Ergebnisse der bisherigen Auswertungen der Daten dargelegt werden.

Einfühlsame, verantwortungsbereite und anstrengungsbereite Jugend
COCON hat im November 2006 erste Ergebnisse der Öffentlichkeit vorgestellt
(http://www.cocon.unizh.ch/de/agenda.html). Erstmals kann für die Schweiz altersvergleichend und anhand von repräsentativen Daten die Kompetenzentwicklung und die dafür bedeutsamen Sozialisationseinflüsse aufgezeigt werden. Heranwachsende verfügen im Durchschnitt über ein recht hohes Mass an sozialen Kompetenzen wie Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein. Die produktive Kompetenz Anstrengungsbereitschaft ist ebenfalls gut entwickelt. Für die Entwicklung von Mitgefühl ist in allen drei Alterskohorten die emotionale Verbundenheit zwischen Eltern und Kindern wichtig. Ebenso spielt die familiäre Förderung von Exploration und Erschliessen neuer Lernwelten eine wichtige Rolle.

Mitgefühl, moralische Motivation und posoziales Verhalten
COCON hat die Bedeutung von Mitgefühl bei 6-jährigen Kindern eingehender untersucht. Anhand der Daten aus der Pilotstudie kann aufzeigt werden, dass prosoziales Verhalten nach Einschätzung der Mütter und Kindergärtnerinnen positiv durch Mitgefühl vorhergesagt werden kann.

Moralische Gefühle und aggressives Verhalten
COCON hat die Bedeutsamkeit von Gefühlen, die sich 6-jährige Kinder in moralisch relevanten Konflikten zuschreiben, für die Entwicklung von Aggression untersucht. Die Ergebnisse der Daten aus der Pilotstudie verweisen auf die Bedeutsamkeit von Gefühlen, die sich Kinder in moralisch relevanten Konflikten zuschreiben, für die Entwicklung von Aggression.

Berufswahlprozess junger Frauen
COCON hat bei den beiden Alterskohorten der 15- und 21-jährigen Frauen den nicht-geschlechtstypischen Berufswahlprozess untersucht. Es interessiert die Frage, welche sozialen und individuellen Faktoren junge Frauen unterstützen, einen nicht-geschlechtstypischen, also keinen frauendominierten Beruf zu wählen. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass eine nicht-geschlechtstypische Berufswahl in einem komplexen Wirkungszusammenhang von bildungsmässigen Zugangschancen, familiärer Unterstützung und individuellen Wertorientierungen zu begreifen ist.

Insgesamt darf anhand der vorliegenden Befunde auf die Ergiebigkeit einer theoretischen Perspektive hingewiesen werden, welche die Kompetenzentwicklung und die Bewältigung von Übergängen im Lebenslauf sowie die dafür bedeutsamen Sozialisationseinflüsse in den Bereichen Familie, Freizeit und Gleichaltrige altersvergleichend und aus der Perspektive des Lebenslaufs analysiert.

Weitere Informationen zum Projekt

In dieser Quer- und Längsschnittstudie werden die sozialen Bedingungen des Aufwachsens in der Schweiz erforscht und ihre Bedeutung für die Entwicklung von Kompetenzen und Werthaltungen analysiert. Dazu werden Kinder und Jugendliche unterschiedlichen Alters zusammen mit ihrem sozialen Umfeld in Familie, Schule, Freundeskreis und Gemeinde über mehrere Jahre hinweg untersucht.

Hintergrund
Diese Studie leistet einen wichtigen Beitrag, die systematische Erforschung der sozialen Bedingungen des Aufwachsens in der Schweiz und deren Bedeutung für den kindlichen und jugendlichen Entwicklungsprozess zu institutionalisieren. Die kontinuierliche Beobachtung von Kindern und Jugendlichen verschiedener Altersstufen ermöglicht die Gewinnung neuer und für die Schweiz dringend notwendiger Erkenntnisse über die komplexe Wechselwirkung zwischen sozialem Umfeld und individuellem Entwicklungsprozess.

Ziele
Ziel dieser gross angelegten Studie ist es, die Zusammenhänge zwischen den Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen und deren psychosozialer Entwicklung zu untersuchen. Mit Bezug auf ihr familiäres und schulisches Umfeld sowie ihren Freundeskreis soll die Entwicklung von Werthaltungen und von kognitiven, emotionalen und sozialen Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen unterschiedlichen Alters über mehrere Jahre hinweg untersucht werden. Von besonderem Interesse ist, wie sich die Art der Bewältigung von Entwicklungsschritten und Übergängen im Kindes- und frühen Jugendalter auf die spätere Entwicklung auswirkt und welche Bedeutung dem sozialen Umfeld dabei zukommt. Damit sollen neue Erkenntnisse über diejenigen sozialen Bedingungen des Aufwachsens gewonnen werden, die eine gelungene Entwicklung im Kindes- und Jugendalter fördern.

Methoden/Vorgehen
Es handelt sich um eine interdisziplinäre Panelstudie in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz, in welcher drei Kohorten - je 1000 6- und 15-Jährige sowie 600 21-Jährige - zu ausgewählten Zeitpunkten im kindlichen und jugendlichen Lebenslauf befragt werden. Ebenso wird das familiäre und schulische Umfeld in die Untersuchung einbezogen, indem Informationen über strukturelle, interaktive und erziehungsbezogene Merkmale direkt bei Eltern sowie Lehrerinnen und Lehrern erhoben werden.

Bedeutung
Die Quer- und Längsschnittstudie wird für die Schweiz zum ersten Mal ein umfassendes Bild über die sozialen Bedingungen des Aufwachsens in diesem Land liefern. Dank der Berücksichtigung von Kinder und Jugendlichen verschiedener Altersstufen sind darüber hinaus neue Erkenntnisse zu erwarten, wie die Gestaltung des sozialen Umfeldes in Familie, Schule, Freundeskreis und Wohnort die kindliche und jugendliche Entwicklung prägt und den weiteren Verlauf beeinflusst.

Projektdauer: 01.04.04 - 31.12.06

Bewilligtes Projekt: CHF 1,8 Mio.

Proposal no.: 405240-69015

Prof. Marlis Buchmann
Jacobs Center for Productive Youth Development
Universität Zürich
Culmannstr. 1
8006 Zürich
Tel. 044 634 06 80
Fax 044 634 06 99
E-Mail buchmann@soziologie.unizh.ch  

Jacobs Center for Productive Youth Development der Universität Zürich
www.jacobscenter.unizh.ch  

Prof. Helmut Fend
Pädagogisches Institut
Universität Zürich
Gloriastrasse 18a
8001 Zürich
Tel. 01 634 27 80
Fax 01 634 49 22
E-Mail fend@paed.unizh.ch  


Publikationen

Scherrer, R., Bayard, S., Buchmann, M. (2007), Nicht-Passung zwischen Berufswunsch und besuchtem Schul-niveau an der ersten Schwelle. In: Eckert, T. (Hrsg.), Übergänge im Bildungswesen. Münster: Waxmann, 105-124.

Buchmann, M., Kriesi, I. (2008), Escaping the Gender Trap. Young Women’s Transition into Non-Traditional Occupations. In: Schoon, I., Silbereisen, R. (eds.), Transition from School to Work. Cambrigde/New York: Cambridge University Press.

Kriesi, I., Malti, T., Buchmann, M. (2007), Wertorientierungen jugendlicher und junger Erwachsener in der Schweiz. Auswertungen des Schweizerischen Kinder- und Jugendsurvey COCON im Auftrag der Stiftung Zürcher Unternehmerforum. Zürcher Unternehmerforum: Zürich.

Malti, T. (2007), Moral emotions and aggressive behavior in childhood. In: Steffgen, G., Gollwitzer, M. (eds.), Emotions and aggressive behavior, Göttingen: Hogrefe, 185-200.

Malti, T., Gummerum, M., Buchmann, M. (2007), Contemporaneous and One-Year Longitudinal Prediction of Children’s Prosocial Behavior from Sympathy and Moral Motivation". Journal of Genetic Psychology, 168 (3), 277-299.

Malti, T., Kriesi, I., Buchmann, M. (2008), Adolescent’s Prosocial Behavior, Sympathy, and Moral Reasoning. In: Oser, F., Veugelers, W. (eds.), Getting Involved: Global citizenship development and sources of moral values, Rotterdam: Sensepublishers.

Malti, T., Bayard, S., Buchmann, M. (2008), Mitgefühl, soziales Verstehen und prosoziales Verhalten als Kom-ponenten sozialer Handlungsfähigkeit in der Kindheit. In: Tina Malti und Sonja Perren (Hrsg.), Soziale Kompetenz bei Kindern und Jugendlichen. Entwicklungsprozesse und Förderungsmöglichkeiten. Stuttgart: Kohlhammer, 52-69.

Kriesi, I., Scherrer, R., Buchmann, M. (2008), Die Bewältigung des Schuleintritts von Kindern in der Schweiz". In: Schultheis, F., Perrig-Chiello, P., Egger, S. (Hrsg.), Kindheit und Jugend in der Schweiz. Weinheim/Basel: Beltz, 82-88.

Malti, T., Bayard, S., Buchmann, M. (2008), Familienbeziehungen, Familienstruktur und prosoziales Verhalten in der Adoleszenz. In: Schultheis, F., Perrig-Chiello, P., Egger, S. (Hrsg.), Kindheit und Jugend in der Schweiz. Weinheim/Basel: Beltz, 72-77.



Dokumente:

  Medienmitteilung vom 22.11.2006
Einfühlsame,verantwortungsbewusste und anstrengungsbereite Jugend
MedienmitteilungUniversitaetZuerich.pdf (97KB)
22.11.2006    Download >
  Präsentation erster Ergebnisse
ForschungsergebnisseZusf.pdf (944KB)
23.11.2006    Download >
  Artikel Unimagazin, Universität Zürich, Mai 2007
Buchmann_unimagazin_200702.pdf (49KB)
24.05.2007    Download >

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