Produced by nextron

Mobbing im Kindergarten: Entstehung und Prävention

Zusammenfassung der Resultate

Mobbing ist eine Form von Gewalt, die in Gruppen entsteht. Wir sprechen von Mobbing, wenn ein Kind wiederholt den negativen Handlungen anderer Kinder ausgesetzt wird. Diese Handlungen können sowohl physisch, verbal als auch sozialer Art sein (Gerüchte, Ausschluss aus der Gruppe) und beinhalten oft demütigende Einschläge. Mobbing stellt eine hohe Belastung für die Kinder dar.

Studien zu Mobbing vor dem Eintritt in die Primarschule sind extrem selten. In dieser Studie wollten wir auf folgende Fragenbereiche eingehen: 1) die Verschiedenheit der Opfer und der aggressiven Kinder, 2) die Vielfalt der frühen Risikofaktoren, 3) Zusammenhänge zwischen Mobbing und Befindlichkeit, 4) die Stabilität der Rollen im Übergang vom Kindergarten in die Primarschule. Ein weiteres Anliegen war die Anwendung und Evaluation eines Präventionsprogramms gegen Mobbing.

Kindergärten wurden aus dem Kanton Bern ausgewählt. 1090 Kinder nahmen bei der ersten Erhebung teil. Die Kinder wurden einzeln befragt, sie gaben Auskunft zu sich selber, zur Peer-Gruppe und wir führten einige Tests mit ihnen durch. Die Lehrpersonen und die Eltern füllten Fragebögen zu jedem Kind und sich selber aus. Ein Präventionsprogramm wurde in der Hälfte der Kindergärten durchgeführt und eine zweite Datenerhebung fand am Ende des Schuljahres statt. Eine dritte Befragung wurde ein Jahr oder zwei Jahre später durchgeführt.

Die Prozentanteile von Kindern, welche in irgendeiner Form am Mobbing beteiligt waren, sind denjenigen aus einer früheren Kindergartenstudie und aus Schulstudien ähnlich. 6% der Kinder wurden mindestens einmal in der Woche von anderen geplagt, ohne selber andere zu plagen; diese wurden als passive Opfer kategorisiert. 12% der Kinder mobbten andere mindestens einmal in der Woche, ohne selber geplagt zu werden; sie wurden Mobber genannt. 7% der Kinder plagten und wurden von anderen geplagt, beides auch mindestens einmal in der Woche; es sind die aggressiven Opfer. Weiter gab es 20% der Kinder, die nur ab und zu attackiert wurden oder andere in irgendeiner Form plagten und die gute Nachricht zum Schluss: 55% der Kinder wurden nie geplagt und plagten auch niemanden.

Analysen zur Stabilität der Rollen brachten sowohl unerfreuliche als auch erfreuliche Ergebnisse. Kinder, die aufgrund der Angaben der Lehrperson im Kindergarten als aggressive Opfer kategorisiert worden waren, wurden übermässig oft auch von einer neuen Lehrperson in der Primarschule als solche bezeichnet. Die gute Nachricht ist, dass die meisten Kinder, die im Kindergarten nicht beteiligt waren, auch in der Schule unbeteiligt blieben, und dass sehr viele Kinder aus ihren Rollen heraus gekommen waren.

Unsere Befunde, inkl. Stabilität der Rollen, bestätigen, dass sich aggressive Opfer sich sowohl von den passiven Opfern als auch von den Mobbern deutlich unterscheiden. Obwohl aggressive Opfer und Mobber gewisse Merkmale gemeinsam haben, wie eine gewisse Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität, d.h. Probleme mit der Regulierung ihres Verhaltens, waren aggressive Opfer deutlich mehr physisch aggressiv, zeigten mehr Trotzverhalten und hatten mehr Wutanfälle als die Mobber. In Testsituationen gaben sie mehr aggressive Strategien zur Lösung von Problemen als alle anderen Kinder an. Und auch wenn passive und aggressive Opfer gewisse gemeinsame Probleme zeigten, wie die Schwierigkeit Freunde zu finden, eine gewisse Unbeliebthet in der Gruppe und auch traurig und unglücklich aussahen, hatten sie nichts anderes gemeinsam.

Die passiven Opfer erschienen als kooperativ, sie halfen und trösteten andere Kinder, und teilten gerne mit Anderen. Allerdings zeigten sie mehrere Merkmale auf, welche sie in der Peer-Gruppe und besonders in Anwesenheit von Mobbern, verletzbar machen können: Sie waren ängtlich und schüchtern und zogen sich von den Peers häufig zurück. Sie nahmen auch wenig Initiative zu Spielaktivitäten in der Gruppe. Auch die Tatsache, dass sie nicht gut integriert waren, da sie Schwierigkeiten hatten Freunde zu finden und nicht sehr beliebt waren, ist ein Risiko. In der Testsituation (soziales Probelmlösen) gaben sie häufig Furchtreaktionen in provokativen sozialen Situationen an und schlugen eher vermeidende Strategien vor.

Die Mobber wurden zwar als unaufmerksam, impulsiv und hyperaktiv beurteilt, aber sie waren kooperativ, halfen, trösteten andere Kinder und teilten mit ihnen. Sie konnten sich am besten von allen Kindern abgrenzen, nahmen viel Intiative in der Gruppe, waren beliebt und gut integriert. Auch die Ergebnisse aus den Testsituationen zeichneten ein Bild der Mobber als sozial kompetente oder mindestens sozial clevere Kinder.

Kinder, deren Mütter nicht in der Schweiz geboren wurden, waren häufiger als passive Opfer kategorisiert, als das was man statistisch erwarten könnte, dies war speziell der Fall, wenn die Kinder und ihre Mütter keine guten Kenntnisse der lokalen Sprachen hatten. Kinder, die eine Trennung/Scheidung der Eltern erlebt hatten und Kinder, deren Eltern sozio-ökonomisch eher benachteiligt waren, waren auch unter den passiven Opfern überrepräsentiert. Das heisst, dass generelle Stressfaktoren in der Familie die Verletzbarkeit der Kinder in der Peer-Gruppe zu erhöhen scheinen. Unsere Studie zeigte auch eine gewisse Übertragung von aggressiven Verhaltensweisen über die Generationen, während es keine Anzeichen von Übertragung von Opferrollen gab.

Die Eltern schienen den Ernst des Mobbings zu verstehen, aber sie waren zu sehr auf individuelle Prädispositionen fokusiert. Unsere Ergebnisse zeigten, dass es ein grosses Bedürfnis für Information gibt.

Die Akzeptanz für unser Präventionsprogramm war hoch unter den Lehrpersonen. Antworten der Kinder zeigten, dass sie die zentralen Punkte des Programms eingeführt hatten. Am Ende des Schuljahres gaben Kinder in den Präventionskindergärten auch mehr angemessene Reaktionen auf Mobbing als die anderen Kinder an, und die Lehrpersonen gaben mehr Sicherheit im Umgang mit Mobbingsituationen an. Alle Lehrpersonen waren einig, dass es wichtig ist, Eltern einzubeziehn, wenn Mobbing vorkommt.

Unsere Ergebnisse zeigten allgemein viel Einigkeit unter Kindern, Lehrpersonen und Eltern. Die meisten Kinder waren sich bewusst, dass Mobbing verletzt und unfair ist. Kinder, welche sich in Mobbingsituationen für die Opfer einsetzten waren meistens nicht beteiligte Kinder oder selber passive Opfer. Das heisst, Kinder, die nicht aggressiv sind, sind eine sehr wichtige Resource, die mehr beachtet werden sollte. Auch die meisten Eltern sind der Meinung, dass unbeteiligte Kinder den Opfern helfen sollten. Die gute Nachricht ist, dass genau dies ein zentrales Element unseres Präventionsprogramms ist.

Weitere Informationen

Kinder, die andere Kinder systematisch plagen oder geplagt werden: Eine Tatsache bereits im Kindergarten. Wie entsteht Mobbing? Was zeichnet Kinder aus, die andere Kinder plagen oder selber geplagt werden? Warum helfen Kinder andere Kinder plagen? Weshalb sagt viel zu selten ein Kind: Nein! So nicht! Und was können Lehrpersonen und Eltern tun, um Mobbing vorzubeugen?

Hintergrund
Kinder können bereits im Vorschulalter gezielt direkte und indirekte subtile Strategien einsetzen, um andere Kinder zu plagen. So wird gewissen Kindern der Zugang zur Gruppe oder zu bestimmten Aktivitäten systematisch erschwert oder verunmöglicht. Es wird geplagt und gemobbt. Diese Tatsache ist (leider) durch verschiedene Studien (auch eigene) belegt. Diese Situation stellt zuerst einmal für das Opfer eine hohe Belastung dar. Stress und eine Beeinträchtigung der Gesundheit wie auch der weiteren Entwicklung des Kindes sind die Konsequenzen. Aber auch die Mobber zeigen, entwickeln und festigen einen sozial inkompetenten Umgang mit anderen Kindern.

Ziele
(I) In unserer Studie versuchen wir, Faktoren zu bestimmen, die erklären können, weshalb ein bestimmtes Kind zum Opfer, Mobber oder auch Mitläufer wird. Die Problematik der Kinder, welche aggressiv auftreten und selber zu den Opfern von anderen Kindern werden, ist dabei zentral. Es ist weiter wichtig, zwischen aggressiven Kindern und Mobbern zu unterscheiden, da das perfide im Mobbing gerade in dessen Systematik liegt, die viele Opfer wehrlos macht. Es gilt auch zu bestimmen, wie Persönlichkeitsfaktoren, die soziale Kompetenz, der Einfluss der Eltern und der Familie, der Kindergarten oder die Peergruppe zusammenwirken und so entweder protektiv oder aber Mobbing fördernd wirken.
(II) Das Be-Prox (Berner Präventionsprogramm gegen Mobbing in Kindergarten und Schule, Alsaker & Valkanover) wird weiter entwickelt und evaluiert. Wichtig ist, im Rahmen dieses Projekts die Lehrpersonen wie auch die Eltern in diesen Prozess mit einzubeziehen.

Methoden/Vorgehen
Eine umfangreiche Befragung der Kinder, KindergärtnerInnen wie auch der Eltern anhand von Fragebogen und in Interviews wird durchgeführt. Es sind rund 1000 Kinder aus über 60 Kindergärten in die Studie involviert. Bei rund der Hälfte der Kindergärten wird das Präventionsprogramm durchgeführt, die andere Hälfte dient als Kontrollgruppe. Kinder und Kindergärtnerinnen und Kindergärtner werden innerhalb eines Jahres vor und nach der Intervention befragt.

Bedeutung
Viel zu wenig ist darüber bekannt, welche Faktoren die Entstehung und die Aufrechterhaltung von Mobbing erklären. Und wie in der Konsequenz effiziente und effektive Präventions- und Interventionsprogramme zu gestalten sind.
Wir erwarten neue Einsichten in den Entstehungsprozess von Mobbing und wie sich dieses etabliert. Die Früherkennung gefährdeter Kinder kann so wesentlich verbessert werden. Wir erwarten auch wichtige Hinweise zur Optimierung des Präventionsprogramms gegen Mobbing unter Kindern.

Projektdauer: 01.04.03-31.12.06

Bewilligtes Projekt: CHF 576 429

Proposal no.: 405240-69011

Anschrift des Hauptgesuchstellers:
Prof. Françoise D. Alsaker
Institut für Psychologie
Muesmattstr. 45
3000 Bern 9
Tel. 031 631 40 16
Fax 031 631 39 81
E-Mail francoise.alsaker@psy.unibe.ch 

Publikationen

Alsaker, F., Gutzwiller-Helfenfinger, E. (2008), Social behavior and peer relationships of victims, bully-victims, and bullies in kindergarten. In Jimerson, S., Swearer, S., Espelage, D. (eds.), The International Handbook of School Bullying. Mahwah, New Jersey: Lawrence Erlbaum Associates.

Alsaker, F. D., Nägele, C (2008), Bullying in kindergarten and prevention. In Craig, W., Pepler, D. (eds.), An International Perspective on Understanding and Addressing Bullying. PREVNet Series, Vol. I PREVNet: Kingston, Canada.

Baumgartner, A., Alsaker, F. (2008), Mobbing unter Kindern und Jugendlichen: Die Rolle von individuellen sozialen Kompetenzen, Gruppenprozessen und sozialen Beziehungen. In: Malti, T., Perren, S. (Hrsg). Entwicklung und Förderung sozialer Kompetenzen in Kindheit und Adoleszenz. Stuttgart: Kohlhammer.

Valkanover, S., Alsaker, F. (2008), Das Berner Präventionsprogramm gegen Gewalt im Kindergarten und in der Schule – Be-Prox. In: Drilling, M., Steiner, O., Davolio M., (Hrsg.), Gewalt an Schulen, Zürich: Verlag Pestalozzianum, 189-194.

Alsaker, F. (2006). Mobbing in Kindergarten und Schule und wie Erwachsene damit umgehen können. In: Zeitschrift für Religionsunterricht und Lebenskunde. Heft 4, 7-10.

Alsaker, F. (2007). Von Tätern und Opfern und dem Phänomen Mobbing in Kindergarten und Schule. In: Die Schule, Heft 3, 6-7.

Alsaker, F., Lauper, D. (2007), Mobbing in Kindergarten und Schule. In: SuchtMagazin 33 (1), 15-19.

Alsaker, F., Nägele, C., Valkanover, S., Hauser, D. (2008), Pathways to victimization and a multisetting intervention: Project documentation. Bern: University of Bern.

Nägele, C., Alsaker, F. (2005), Beschimpft, geplagt und ausgelacht – Mobbing im Kindergarten. Informationsbroschüre. Institut für Psychologie, Abteilung Entwicklungspsychologie, Universität Bern. Download: www.praevention-alsaker.unibe.ch

Nägele, C., Valkanover, S., Alsaker, F. (2005), Mobbing im Kindergarten. Erste Rückmeldung an die Eltern und Kindergärtnerinnen. Institut für Psychologie, Abteilung Entwicklungspsychologie, Universität Bern. Download: www.praevention-alsaker.unibe.ch

Broschüre
Mobbing im Kindergarten - beschimpft, geplagt und ausgelacht
 
Weitere Informationen



Dokumente:

  Referat NFP52 Tagung 22. Juni 2006
Alsaker_NFP52_ZH_220606.pdf (2909KB)
03.07.2006    Download >
  Broschüre: Mobbing im Kindergarten
NFP52_Alsaker_Broschüre.pdf (2446KB)
05.03.2007    Download >

Zurück


 
E | D | F