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Erziehungsstile und Eltern-Kind-Beziehungen: Wie sie die Gesundheit beinflussen

Zusammenfassung der Resultate

Hintergrund
Viele klinische Studien belegen die Bedeutung elterlicher Erziehungsstile und Beziehungsqualitäten für verschiedene Störungen und Defizite. Allerdings wurden die Zusammenhänge zwischen elterlichen Erziehungsstilen und Gesundheit noch wenig in bevölkerungsbezogenen Stichproben untersucht. Baumrind (1991) meint, dass elterliches Verhalten mit zwei Grunddimensionen erfasst werden kann: Die Unterstützungs- und Forderungsleistungen der Eltern (responsiveness und demandingness). Aus diesen elterlichen Erziehungsleistungen können vier Typen elterlicher Erziehungsstile gebildet werden: Der reife Stil (sowohl Unterstützung- als auch Forderungsleistungen), der naive Stil (ausgeprägte Unterstützungs- mit wenig Forderungsleistungen), der paradoxe Stil (ausgeprägte Forderungs- mit wenig Unterstützungsleistungen) und der gleichgültige Stil (mit sowohl wenig Unterstützungs- als auch wenig Forderungsleistungen). Hauptzweck der vorliegenden Studie ist es, diese elterliche Erziehungsstile im Zusammenhang mit der Gesundheit und dem Wohlbefinden der Kinder sowie mit gesundheitsbezogenen Verhaltensweisen zu untersuchen.

Bezugsrahmen und Fragestellungen
Elterliche Erziehungsstile können als Gesundheits- oder Risikofaktoren für ihre Kinder wirken. Grundlegende Fragestellung ist, inwiefern wahrgenommenes elterliches Erziehungsverhalten in der Kindheit und Jugendzeit und die Gesundheit der Kinder miteinander verbunden sind und welche Faktoren allenfalls eine vermittelnde Rolle spielen. Es wird der Frage nach den Veränderungen dieser Beziehung im Zeitraum von 1993 und 2002/03 nachgegangen. Weiter werden individuelle, kontextuelle und strukturelle Faktoren in die Analyse einbezogen.

Methoden
In der vorliegenden Studie werden zwei grosse teilreplizierte Surveys als Datenquelle verwendet: Die Befragungen wurden 1993 (N=19'617) und 2002/03 (N=20'531) bei 20-Jährigen in der Schweiz durchgeführt. Beide Erhebungen beinhalteten eine Befragung von Rekruten sowie eine Befragung in einer Bevölkerungs-Stichprobe. Die Surveys wurden im Rahmen der Eidgenössischen Jugendbefragungen ch-x durchgeführt (www.chx.ch). Befragt wurde in einer standardisierten schriftlichen Form, mit einem Fragebogen mit geschlossenen Fragen zum Selbstausfüllen. Die Fragen richteten sich auf das Aufwachsen, die Wahrnehmungen der Eltern, auf die Gesundheit und das Wohlbefinden, auf das gesundheitliche Verhalten sowie auf eine Reihe von Gesundheitsdeterminanten. Statistische Analysen wurden mit dem Statistikpaket STATA durchgeführt, das eine Korrektur der Standardschätzfehler für Surveydaten ermöglicht. Alle Analysen wurden mit gewichteten Daten durchgeführt.

Ergebnisse
Elterliche Erziehungsverhalten stehen im Zusammenhang mit kontextuellen und strukturellen, aber auch mit individuellen Faktoren. 14% aller befragten 20-Jährigen berichten über wahrgenommen paradoxen oder gleichgültigen elterlichen Erziehungsstil. Frauen berichten signifikant häufiger über ungünstige elterliche Erziehungsstile als Männer (Frauen: 15.2%, Männer: 12.7%). Elterliche Erziehungsstile stehen in Zusammenhang mit elterlicher Bildung sowie mit Einkommen. Ungünstige Stile finden sich eher in bei Eltern mit weniger Bildung und weniger materiellen Ressourcen. Verglichen mit den Verteilung der elterlichen Erziehungsstile im Jahr 1993 haben die ungünstigen Stile im Jahr 2003 beinahe um 50% abgenommen; der reife Stile hat von 30.5% auf 45.2% zugenommen; der naive Stile hat leicht abgenommen (von 45.1% auf 41.2%).

Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Wahrnehmung elterlicher Erziehungsstile und gesundheitlichen Merkmalen. Für viele gesundheitliche Indikatoren zeigt sich der erwartete Gradient über die vier gebildeten Erziehungstypen (vom reifen bis zum gleichgültigen Stil). Die Resultate zeigen, dass die Kinder mit erfahrenem reifen Stil die besten gesundheitlichen Merkmale bezüglich Outcomes wie Cannabis- und Tabakkonsum und dem Vorliegen körperlicher Symptome sowie dem Kohärenzgefühl aufweisen. So konsumieren diese Kinder weniger häufig Cannabis- und Tabak, haben weniger körperliche Symptome und verfügen über ein höheres Kohärenzgefühl. In einem multivariaten Regressionsmodell bleibt dieser Zusammenhang signifikant, auch unter Kontrolle der Einflüsse von Geschlecht, Bildung und Kohärenzgefühl. Bezüglich einer Reihe von weiteren Merkmalen zeigen sich allerdings zwischen dem reifen und dem naiven elterlichen Stil wenig Unterschiede bei den gesundheitlichen Outcomes.

Weiter wurden gesundheitliche Trends im Zeitraum von 1993 und 2003 untersucht. Viele der betrachteten Indikatoren zeigten sich über diesen Zeitraum als relativ stabil. Der Tabak- und Cannabiskonsum hat deutlich zugenommen.

Empfehlungen für die Praxis

Empfehlung 1: In der Öffentlichkeit ist eine vertiefte Informationsarbeit über die Situation von gesundheitlicher Chancenungleichheit von Familien in ungünstigen strukturellen und kontextuellen Bedingungen zu leisten.

Empfehlung 2: Familienpolitische Leitbilder oder Leitbilder zur Gesundheitsfšrderung bei Familien stellen ein Instrument dar, in dem Diskussionsprozess in die Wege geleitet werden kann, der die Aufmerksamkeit auf die relevanten Zielgruppen lenkt.

Empfehlung 3: Anknüpfend an Leiterbilder zur Gesundheit in Familien muss ein Schwerpunktprogramm "Gesundheit von Familien" zur Umsetzung und Projektfšrderung auf der Stufe Gemeinden, Kanton Bund in die Wege geleitet werden.


Weitere Informationen zum Projekt

Erziehungsstile und Qualität von Eltern-Kind-Beziehungen sind wichtige Faktoren für die Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern. Viele gesundheitliche Outcomes bei Kindern und Jugendlichen haben sich in den letzten Jahren verschlechtert. Steht dies in Zusammenhang mit einer Veränderung des elterlichen Verhaltens?

Hintergrund
Vorwiegend klinische Studien belegen die Bedeutung elterlicher Erziehungsstile und Beziehungsquali-täten für verschiedene Störungen und Defizite. Bevölkerungsbezogene, salutogenetische Aussagen über elterliches Verhalten fehlen weitgehend. Die Vergleichbarkeit vorhandener Studien ist nicht gewährleistet. Über den Wandel elterlicher Erziehungsstile und deren mögliche ursächliche Zusammenhänge mit gesellschaftlichen Bedingungen ist daher wenig empirisch gesichertes Wissen vorhanden.

Ziele
– Entwicklung einer salutogenetischen Perspektive: Salutogenetische Konzepte und Sichtweisen werden neben risiko- und symptombezogenen Untersuchungsansätzen in die Analyse einbezogen.
– Gesundheit wird ganzheitlich erfasst und in Zusammenhang mit elterlichem Beziehungs- und Erziehungsverhalten gesetzt.
– Einbezug kulturabhängiger Aspekte: Gesundheit und gesundheitliches Verhalten sind kulturell gefärbte Phänomene; das trifft auch auf die elterlichen Erziehungs- und Beziehungsstile zu. Das Forschungsprojekt entwickelt und analysiert diese Perspektive.
– Eine Analyse strukturbezogener Determinanten wird geleistet: Gesundheit und Erziehungsverhalten sind beeinflusst von sozialen und strukturellen Gegebenheiten (wie Schichtzugehörigkeit, Gemeindestruktur, Stadt-Land-Dimension etc.) Der Zusammenhang zwischen Einflüssen aus dem Wohnumfeld der Familie und Determinanten aus dem weiteren Strukturumfeld wird analysiert.

Methoden/Vorgehen
Als Datenquelle stehen zwei grosse Surveys zur Verfügung: Eine repräsentative Stichprobe aus der 20-Jährigen Wohnbevölkerung (Umfang ca. 1 500 Personen) und eine Stichprobe von Rekruten (Umfang ca. 18 000 Personen). Beide Gruppen wurden im Zeitraum 2002/2003 mit einem identischen schriftlichen Fragebogen befragt. Es handelt sich um eine Teilreplikation einer Studie aus dem Jahre 1993. Die Datenerhebung erfolgte im Rahmen der Eidgenössischen Jugend- und Rekrutenbefragung «ch-x» (www.chx.ch).

Bedeutung
Die Erforschung der Wirkung von Beziehungs- und Erziehungsstilen wird in einen gesellschaftlichen Zusammenhang sowie in einen zeitlichen Rahmen gestellt. Damit und mit der Ausarbeitung einer salutogenetischen Sichtweise werden neue Ergebnisse erwartet, die für die Jugend- und Familienpolitik relevant sind und die auch aktuelle Aussagen für den Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention bei Kindern und Jugendlichen liefern.

Projektdauer: 01.04.04–31.10.05

Bewilligtes Projekt: CHF 162 504

Proposal no.: 405240-103367

Anschrift des Hauptgesuchstellers:
Prof. Felix Gutzwiller
Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich
Hirchengraben 84
8001 Zürich
Tel. 044 634 46 10
Fax 044 634 49 86
E-Mail gutzwill@ifspm.unizh.ch


Publikation

Trend in health status and behaviour among young Swiss adolescents between 1993 and 2003. Meichun Mohler-Kuo, Hans Wydler, Ueli Zellweger und Felix Gutzwiller. Swiss Medical Weekly



Dokumente:

  Gutzwiller_poster.pdf
Gutzwiller_poster.pdf (149KB)
12.01.2005    Download >
  NFP 52 Gutzwiller summary
NFP52_Gutzwiller_summary.doc (36KB)
10.07.2006    Download >

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