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Grosseltern in einer dynamischen Gesellschaft – Wie erleben Enkelkinder und Grosselten diese Beziehung?

Zusammenfassung der Resultate

Die Beziehungen zwischen Grosseltern und Enkelkindern verändern sich aufgrund demografischer und sozialer Entwicklungen. Das Forschungsprojekt vermittelt ein Bild über den Wert der Grosseltern für heutige Kinder und Teenager sowie zum Wert von Enkelkinder für ältere Menschen. Dazu wurden drei Analysen vorgenommen:

Erstens wurde die Entwicklung der gemeinsamen Lebenszeit sowie der Ko-residenz von Enkelkindern und ihren Grosseltern analysiert.

Es zeigt sich eine klare Ausdehnung der gemeinsamen Lebenszeit der Generationen, was eine zentrale Basis für intensivere Enkelkinder-Grosselternbeziehungen darstellt). Gleichzeitig ist eine intergenerationelle Koresidenz in der Schweiz sehr selten (und seltener als etwa in den USA).

Zweitens wurden Daten der AGE-Wohnumfrage 2003 zu intergenerationellen Beziehungen ausgewertet. Dabei wird deutlich, dass Bewohner von Alters- und Pflegeheimen häufiger ohne Enkelkinder sind als zuhause lebende ältere Menschen gleichen Alters. Gleichzeitig zeigt das Muster intergenerativer Hilfe- und Unterstützungsbeziehungen zwischen Grosseltern und Enkelkinder, dass die Beziehung zu den Enkelkindern sozial stärker konstruiert wird als die Beziehung zu den Kindern. Als sozial zu konstruierende Generationenbeziehung unterliegen Grosseltern- und Enkelkinderbeziehungen stärker Aspekten sozialer Selektion nach Geschlecht, Lebenszyklus und Lebensmilieu als die Beziehungen zu erwachsenen Kindern.

Drittens wurde eine Erhebung bei 685 12-16-jährigen Schüler und Schülerinnen in drei urbanen Regionen der Schweiz (Genf, Zürich und urbanes Wallis) durchgeführt, die über ihre persönliche Beziehung zu insgesamt 1759 Grosseltern berichten. Parallel wurden 509 in der Schweiz wohnhafte Grosseltern befragt (und für weitere 82 gesundheitlich eingeschränkte Grosseltern wurden ‚proxy-Interviews durchgeführt). Ergänzt wurde die standardisierte Erhebung durch qualitative intergenerationelle Interviews in Genf, um die Prozesse sozialer Konstruktion intergenerationeller Beziehungen detaillierter zu erfassen.

Als ausgewählte Ergebnisse dieser Erhebung sind anzuführen:

a) Kontakthäufigkeit:Die befragten Enkelkinder zeigen eine geringere intergenerationelle Kontakthäufigkeit als frühere Studien (weil viele (37%) der Grosseltern im Ausland leben). Die verschiedenen Kontaktformen sind interkorreliert, und persönliche, telefonische und elektronische Kontakte ergänzen sich. Die persönlichen Kontakte sind eindeutig mit der geographischen Distanz assoziiert, und die persönliche Kontakthäufigkeit reduziert sich vor allem, wenn die Grosseltern in einem anderen Kanton oder ausserhalb der Schweiz wohnen. Die übrigen Kontaktformen sind weniger stark bzw. nicht mit der Wohnortsdistanz verknüpft, und mit modernen Kommunikationsformen entstehen grenzüberschreitende Kontaktformen, die von den Enkelkindern ohne Wissen der Eltern initiiert werden können. Neben der Wohnortsdistanz erweisen sich Gesundheitszustand und Kohortenzugehörigkeit als wichtige Einflussfaktoren von Kontakthäufigkeit und Kontaktformen (mehr und modernere Kontakte mit gesunden und jüngeren Grosseltern).

Bei mehr als einem Drittel der Grosseltern besteht seitens der Enkelkinder ein Wunsch nach häufigeren Kontakten. Bei ausländischen Grosseltern wird mit deutlicher Mehrheit ein häufigerer Kontakt gewünscht.

b) wahrgenommene Eigenschaften der Grosseltern: Die jungen Enkelkinder stufen ihre Grosseltern mehrheitlich als grosszügig, liebevoll und gesellig ein. Sie werden vielfach auch als humorvoll und tolerant eingestuft. Insgesamt zeigen sich drei Grosselternbilder: a) ein gefühlsorientiertes positives Grosselternbild; b) ein negatives Bild von eher strengen und ungeduldigen Grosseltern, die für die junge Generation wenig Verständnis aufweisen, und c) das Bild von altmodischen – und dazu geizigen – Grosseltern, die nicht mehr à jour sind. Die wahrgenommenen Eigenschaften der Grosseltern sind von der Wohnortsdistanz und dem Alter der Grosseltern weitgehend unabhängig. Viel bedeutsamer ist der Gesundheitszustand der jeweiligen Grosseltern, und aktive Grosselternschaft ist primär mit dem Muster eines gesunden Alterns assoziiert.

c) Grosseltern als Bezugspersonen:In 49% der Fälle wird die Beziehung zu einer Grossmutter oder einem Grossvater als sehr wichtig eingestuft. In 38% der Fälle wird sie als eher wichtig beurteilt, und nur bei 13% der angeführten Grosseltern wird die Beziehung als eher unwichtig oder überhaupt nicht wichtig eingeschätzt. Die Bedeutung der Grosseltern als Bezugspersonen ist mit der Kontakthäufigkeit, Wohnortsnähe, ihrer Gesundheit und häufigem Diskutieren positiv assoziiert. Wird nachgefragt, in welchen Bereichen der Grossvater bzw. die Grossmutter eine wichtige Rolle einnehmen (und wo konkrete Erwartungen bestehen), zeigt sich ein differenzierteres Bild, das auf Grenzen dieser Beziehung hindeutet: Eindeutig an erster Stelle steht die Erwartung, dass die Grosseltern einfach da sind, wenn man sie braucht. Dies spricht das Konzept einer generalisierten familialen Bezugsperson an, die – ungefragt und unhinterfragt - zur Verfügung steht. Mehrheitlich erwartet wird auch eine psychologische Unterstützung. Eine klar geringere Bedeutung wird den Grosseltern bezüglich konkreter Alltagsinterventionen eingeräumt. So wünschen die meisten 12-16-jährigen Enkelkinder keine grosselterlichen Interventionen ins private Leben oder in die Freizeitgestaltung.

d) Beziehung im intergenerationellen Paarvergleich:Die Bedeutung der individuellen intergenerationellen Beziehung wird mehrheitlich übereinstimmend als sehr wichtig bis wichtig eingeschätzt. Ausgeprägtere intergenerationelle Unterschiede werden bei den konkreten Rollenerwartungen deutlich, und viele Grosseltern weisen gegenüber ihrer eigenen Rolle als Grossmutter bzw. Grossvater höhere Erwartungen auf als dies ihre heranwachsenden Enkelkindern tun. Gleichzeitig besteht ein hoher intergenerationeller Konsens darüber, dass intime Themen ‚ausgeblendet’ gehören: Intimitätsfragen, Liebesgeschichten, aber auch ‘kleine Geheimnisse’ gehören zu den Themen, über die weitgehend ein Konsens besteht, dass dies keine intergenerationelle Diskussionsthemen darstellen. Zumindest während der Adoleszenz liegt ein wesentlicher Faktor heutiger intergenerationeller Beziehungsqualität darin, dass Grosseltern und Enkelkinder intime oder zu stark alltagsbezogene Fragen und Themen ‚ausblenden’. Das oft angeführte intergenerationelle Muster von ‚Intimität auf Abstand’ kann bezüglich Grosseltern-Enkelkind-Beziehungen in dieser Lebensphase durch das Muster des ‚Abstands von Intimität’ ergänzt werden.

Weitere Informationen zum Projekt

Die Beziehungen zwischen Grosseltern und ihren Enkelkindern haben sich aufgrund demographischer und sozialer Entwicklungen verändert. Das Forschungsvorhaben soll ein aktuelles Bild über den Wert von Grosseltern für heutige Kinder und Teenager sowie über den Wert von Enkelkinder für ältere Menschen vermitteln.

Hintergrund
Die in den letzten Jahrzehnten stark gestiegene Lebenserwartung hat das Generationengefüge entscheidend verändert: Die gemeinsame Lebenszeit von Grosseltern und ihren Enkelkindern ist länger geworden. Dazu hat sich die Lebenslage von Enkelkindern gewandelt; immer mehr Grosseltern können von ihnen lernen. Konkrete Lebenserfahrungen, die Enkelkinder mit aktiven Grosseltern machen können, sind jedoch ein junges gesellschaftliches Phänomen.

Ziele
Im Rahmen des Forschungsvorhabens sollen drei Themenbereiche bearbeitet werden:
– Eine soziodemografische Analyse soll untersuchen, wie sich die intergenerationellen Strukturen gewandelt haben: Wie viele Kinder haben aktive Grosseltern? Wie verändert sich das Verhältnis zwischen Grosseltern und Enkelkindern in einer Gesellschaft mit wenig Kindern?
– Eine soziologische Erhebung möchte ein klares Bild über den Wert der Grosseltern für Kinder und Teenager vermitteln: Wie bedeutsam sind diese Beziehungen aus Sicht der Kinder? Inwiefern ändert sich das Verhältnis zu den Grosseltern im Laufe der Entwicklung? Welche Form des Umgangs führt zu intensiven Grosseltern-Enkelkind-Beziehungen?
– Bedeutsame familien- und sozialpolitische Fragen zu Grosselternschaft und Grosseltern-Enkelkind-Beziehungen sollen diskutiert werden: Welche Rechte haben Grosseltern in Bezug auf ihre Enkelkinder? Inwiefern sind Grosseltern als «Pflegeeltern» geeignet?

Methoden/Vorgehen
Neben einer sozio-demografischen Analyse und Sekundäranalysen vorhandener Daten liegt der Schwerpunkt des Forschungsvorhabens in einer Erhebung bei 12 bis 16-jährigen Kindern bzw. Jugendlichen in den städtischen Kantonen Genf und Zürich. Diese werden zu ihren persönlichen Beziehungen zu verschiedenen Grosseltern befragt. Anschliessend sollen die betreffenden Grosseltern zur Bedeutung der Grosseltern-Rolle und ihrer Einschätzung der intergenerationellen Beziehungen interviewt werden.

Bedeutung
Es soll untersucht werden, wie die Beziehungen zwischen Grosseltern und Enkelkinder gestärkt werden können. In einer langlebigen Gesellschaft hängt das Funk-tionieren einer Gesellschaft davon ab, dass verschiedene Generationen integriert werden. Enkelkinder können von guten Kontakten zu älteren Menschen profitieren wie umgekehrt auch ältere Menschen dank Kontakten zu jungen Menschen den Anschluss an den gesellschaftlichen Wandel besser zu gestalten vermögen.

Projektdauer: 01.08.03–30.09.05

Bewilligtes Projekt: CHF 260 000

Proposal no.: 405240-68940

Anschrift des Hauptgesuchstellers:
Prof. François Höpflinger
Soziologisches Institut der Universität Zürich
Rämistr. 69
8001 Zürich
Tel. 01 634 21 43 (privat 081 325 15 68)
Fax 01 634 49 89
E-Mail fhoepf@soziologie.unizh.ch
(privat hoepflinger@bluemail.ch)
www.hoepflinger.com  

Third party funding
Universitäres Institut «Alter und Generationen» (INAG), Sion CHF 20 000


Publikationen

Höpflinger, F. (2005) Enkelkinder und Grosseltern – die Sicht beider Generationen. Historische Entwicklung der Bilder zu Grosselternschaft In: Bachmaier, H. (Hrsg.), Der neue Generationenvertrag, Göttingen: Wallstein-Verlag.

Höpflinger, F., Hummel, C. (2007). Enkelkinder und Grosseltern – alte Bilder, neue Generationen, In: Wahl, H.-W., Mollenkopf, H. (Hrsg.), Alternsforschung am Beginn des 21. Jahrhunderts. Alterns- und Lebenslauf¬konzeptionen im deutschsprachigen Raum, Akademische Verlagsgesellschaft, Aka GmbH, Berlin, 99-119.

Höpflinger, F. Hummel, C. (2006) Heranwachsende Enkelkinder und ihre Grosseltern – im Geschlechterver-gleich, Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 39, 1, 33-40.

Hummel, C. (2008), Grandma, Grandpa, the Miles and Me. Intergenerational relationships in a migration con-text In: Widmer, E., Jallinoja, R. (eds.), Beyond the nuclear family: family as configurations, Bern: Lang.

Hummel, C., Perrenoud, D., (2007), Des conjugaisons incertaines: la grand-parentalité dans le prisme de l’adolescence. In: Burton-Jeangros, C., Widmer, E., Lalive d’Epinay, Ch. (éds), Interactions familiales et constructions de l’intimité, Paris: L’Harmattan

Beitrag für das Magazin für Wirtschaftspolitik Die Volkswirtschaft 7/8-2007, Generationenwandel auf dem Arbeitsmarkt und in Unternehmen;

Buchpublikation (Seismo-Verlag, Zürich): Kinder, Teenager und ihre Grosseltern – intergenerationelle Beziehungen im Wandel (für Sommer 2006)

Buchveröffentlichung zum Forschungsprojekt
Enkelkinder und ihre Grosseltern - Intergenerationelle Beziehungen im Wandel
Weitere Informationen



Dokumente:

  NFP52 Tagung, 19. Januar 2006
nfp52_Bern06_Hoepflinger.pdf (92KB)
30.01.2006    Download >
  Teenage grandschildren and their grandparents in urban Switzerland
NFP52_Grandchildren.pdf (312KB)
09.03.2006    Download >
  Summary Projekt Höpflinger
NFP52_Höpflinger_summary_d.pdf (75KB)
17.10.2006    Download >

Links:


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