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Gute-Nacht-Geschichten und mehr? Familien brauchen Rituale.

Zusammenfassung der Resultate

Im Projekt „Rituale und Ritualisierungen in Familien – Religiöse Dimensionen und intergenerationelle Bezüge" ging es darum, die rituelle Praxis von Deutschschweizer Familien mit Kindern genauer zu beschreiben. Dazu gab es bisher kaum wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse. Inhalte, Formen und Funktionen dieser Rituale sollten erfasst, ihre Einbettung in die familiäre und weitere soziale Umgebung untersucht und ihre Auswirkungen auf die Beteiligten genauer bestimmt werden. Dabei interessierte im Besonderen auch, welchen Stellenwert Religiosität in diesen Ritualen besitzt und welche Bedeutung solche Rituale für das Verhältnis der Generationen haben. Wir gingen zudem davon aus, dass Rituale ein bedeutungs- und beziehungsreicher Teil kindlicher Lebenswelten sind. Sie vermitteln den Kindern Halt und eröffnen ihnen gleichzeitig Spielräume der Entwicklung. Ein besonderes Augenmerk wurde auf die Frage gelegt, wie Kinder sich in diesen Ritualen bewegen. Es sollte auch untersucht werden, wann und weshalb Rituale sich ungünstig auf Kinder und ihre Angehörigen auswirken. Alle diese Erkenntnisse sollten zudem in eine praktisch-theologische Perspektive gerückt werden.

Im Zentrum der Untersuchungen standen exemplarisch drei Typen von Ritualen: Taufe, Weihnachten und Abendrituale. Diese Rituale unterscheiden sich in vieler Hinsicht voneinander. Sie werden unterschiedlich häufig begangen (einmal im Leben, einmal im Jahr, jeden Tag), führen die Generationen der Familie je anders zusammen und weisen unterschiedliche Formen, Inhalte und Bezüge zu Institutionen wie der Kirche auf. Diese Rituale wurden mit Methoden untersucht, die der qualitativen Sozialforschung zuzurechnen sind (Interviews, Feldbeobachtung, Videoaufnahmen) und es erlaubten, einzelne Familien und ihre Rituale genau zu beschreiben. Zudem führten wir zwei Befragungen durch. In der einen Untersuchung gaben 1344 Eltern von 6- resp. 8-jährigen Kindern, in der anderen 729 12-jährige Kinder und 930 Eltern Auskunft. Die Einzelfallstudien und die Umfrageergebnisse ergaben kombiniert ein mehrperspektivisches Bild von Ritualen und ihrer Bedeutung für Kinder und Eltern.

Die Untersuchungen zeigten, dass auch heute junge Familien viele Rituale praktizieren und ihnen eine hohe Bedeutung zumessen. Die Art und Weise, wie sie diese Rituale begehen und auch religiös deuten, ist beeinflusst vom Milieu, in dem sie verankert sind, aber auch von ihrer konfessionellen resp. religiösen Zugehörigkeit. Die höchste Wertschätzung in Bezug auf die kirchlich angebotenen Rituale erfährt die Taufe. Die Taufe stellt Herkunftsfamilien, Eltern und Taufkind in eine Jahrhunderte überdauernde intergenerationelle Öffentlichkeit, erlaubt die Erweiterung des familiären Netzes durch „Gotte" und „Götti" und wird in Familien oft zum Anlass für die explizite Beschäftigung mit Familienstrukturen und –werten und Fragen der religiösen Sozialisation. Tauffeiern eröffnen heute oft Möglichkeiten zur Partizipation und Kinder werden häufiger auch in einem Alter getauft, in dem sie selber ihre Taufe als bedeutungsvolles Ereignis aktiv mitgestalten. Die rituelle Definitionsmacht der Kirchen ist dadurch stark relativiert worden.

Weitere Informationen zum Projekt

Das Projekt beleuchtet aus drei Perspektiven, wie Familien mit kleinen Kindern Rituale gestalten und dabei ihre Religiosität leben und weitervermitteln:
- Wie feiern junge Familien Weihnachten?
- Was bewegt sie, Kinder taufen zu lassen?
- Wie gestalten sie die Zeit vor dem Schlafengehen?

Hintergrund
Die Familie ist zum Ort geworden, wo Menschen Sinn und Lebensorientierung finden. Rituale sind ihnen dabei oft eine Hilfe. So soll untersucht werden, wie Rituale Generationen verbinden, wie sie zu einem sinnerfüllten Alltag und zur Bewältigung von Schwierigkeiten beitragen, wie sie Öffentlichkeit und Privatsphäre koppeln und wie Familien dabei auf religiöse Traditionen zurückgreifen oder ihre eigene Orientierung ausbilden.

Ziele
Durch die Untersuchung von Ritualen, die sich in Familien unterschiedlicher Herkunft entwickeln, soll ein Beitrag zu einem vertieften Verständnis familiärer Lebenswelten in der Schweiz geleistet werden. Daraus erhoffen die Forschenden ein vielseitiges Bild nicht nur der rituellen Praxis von Schweizer Familien zu erhalten, sondern auch jener Religiosität, die Eltern und Kinder gegenüber kirchlichen Einflussversuchen zunehmend eigenständig ausbilden und im Alltag umsetzen. Dabei soll besonders darauf geachtet werden, welchen aktiven Beitrag Kinder zur Entwicklung ihrer Lebens- und Glaubenswelten leisten. Diese Erkenntnisse können für die unterstützende Begleitung von Kindern und ihren Familien gezielt genutzt werden.

Methoden/Vorgehen
Vorstudien zeigen, dass Rituale in Auseinandersetzung mit den Herkunftsfamilien entstehen, dass sie geschlechts- und milieuspezifische Ausprägungen kennen und dass Kinder sie aktiv mitgestalten. In drei qualitativ orientierten Teilprojekten zu je einem tageszyklischen (Gute-Nacht-Ritual), jahreszyklischen (Weihnachten) und lebenszyklischen Ritualvollzug (Taufe) und zwei grösseren quantitativen Surveys werden solche Vermutungen vertieft untersucht. Diese Studien werden miteinander vernetzt und in interdisziplinärer Zusammenarbeit vorangetrieben.

Bedeutung
Wie Kinder Rituale und Religiosität in Familien erleben und mitgestalten, beeinflusst ihr Wohlbefinden und die Entwicklung sinnvoller Lebensperspektiven. Zudem sollen die Untersuchungen verdeutlichen, wie sich in heutigen Familien gelebte Religion und christliche Tradition verbinden. Vertiefte Einblicke in solche Zusammenhänge spielen sowohl für die gezielte Unterstützung von Kindern und ihren Familien als auch für die Theologie als lebensfreundliche Wissenschaft eine Rolle.

Projektdauer: 01.04.03-31.12.06

Bewilligtes Projekt: CHF 519 631

Proposal no.: 405240-68978

Anschrift des Hauptgesuchstellers:
Prof. Christoph Morgenthaler
Tel. 031 631 49 10
E-Mail christoph.morgenthaler@theol.unibe.ch  

Prof. Maurice Baumann
Tel. 031 631 48 63
E-Mail maurice.baumann@theol.unibe.ch  

Prof. Christoph Müller
Tel. 031 631 80 45
E-Mail christoph.mueller@theol.unibe.ch

Institut für Praktische Theologie
CETheol. Fakultät
Universität Bern
Länggassstr.51/ Unitobler
3000 Bern 9

Publikationen

Morgenthaler, Ch. (2004): Normative Implications of Designing Empirical Research. Family Research and Reflective Theological Normativity, in: van der Ven, J. A./Scherer-Rath, M. (Hg.): Normativity and Empirical Research in Theology, Leiden/Boston, 179-198.

Morgenthaler, Ch. (2005): „...habe ich das halt für mich alleine gebetet" (Mirjam 6-jährig). Zur Ko-Konstruktion von Gebeten in Abendritualen, in: Biesinger, A./Kerner, H.-J., Klosinski, G./Schweitzer, F. (Hg.), Brauchen Kinder Religion? Neue Erkenntnisse – Praktische Perspektiven, Weinheim/Basel, 108-121.

Morgenthaler, Ch. (2007), Abendrituale und Gebetspraxis bei Familien mit Kindern, in: KatBl 132, 166-170.

Morgenthaler, Ch,, Qualitative, Quantitative and Phenomenological Approaches to Experience - Complemen-tary and Contrary. Empirical-Theological Soundings from a research Project on Family Rituals, in: Heim-brock, Hans-Günter/Scholz, Christopher P. (Ed.) (2007): Religion: Immediate Experience and the Mediacy of Research, Göttingen, 213-241.

Morgenthaler, Ch. & Hauri-Bill, R. (2007): Tapes and tables. Mixed methods research on family religion. Jour-nal of Empirical Theology, 20/2007, 77-99

Morgenthaler, Christoph: Abendrituale – Umrisse einer ethnographischenLiturgik, Pastoraltheologie, Juni 2008

Müller, Ch. / Morgenthaler, Ch. (2004): Familie: Ort der Liebe - Hort der Gewalt. Praktisch-theologische Refle-xionen, in: Dietrich. W./Lienemann, W. (Hg.): Gewalt wahrnehmen - von Gewalt heilen. Theologische und religionswissenschaftliche Perspektiven, Stuttgart et al. 2004, 224-240.

Müller, Ch.: Die Taufe - Deutungen von Beteiligten (Eltern, Paten und Patinnen, Kinder, Grosseltern), in: B.Bader/P.Wilhelm/D.Schmid (Hrsg.,2006): Gottesdienst mit Klein und Gross. Bd.4: Materialien und Impul-se zur Taufe, Zürich, 11-15.

Müller, Ch.: Beteiligung von Eltern und Taufpaten bei der Vorbereitung und Durchführung der Taufe, in: B.Bader/P.Wilhelm/D.Schmid (Hrsg.,2006): Gottesdienst mit Klein und Gross. Bd.4: Materialien und Impul-se zur Taufe, Zürich, 54-62.

Müller, Ch. (2007): "Mini Farb und dini". Kommunikationschancen und -brüche im generationenübergreifenden Gottesdienst, in: Peier. M. (Hg.): Beim Wort genommen. Kommunikation in Gottesdienst und Medien, Zü-rich, 127-151.

Müller, Ch. (2007): Gleichursprünglichkeit, notwendige Abschiede und riskante Entdeckungen. Hermeneutische Überlegungen zum Umgang mit Geschichte und biblischen Traditionen, in: Körtner, U.H.J. (Hg.): Ge-schichte und Vergangenheit. Rekonstruktion - Deutung - Fiktion, Neukirchen-Vluyn, 129-153.

Müller, Ch. (2007): Taufe, in: Gräb, W., Weyel, B. (Hg.): Handbuch Praktische Theologie, Gütersloh, 698-710.

Müller Ch. (2007): Kasualien: Erwartungen heutiger Menschen an die Kirchen - und was dies für Pfarrerinnen und Pfarrer bedeuten könnte, in: Kocher, H. (Hg.): Schatzkammer Kasualien, Bern, 107-118.

Müller, Ch. Zum Verhältnis von Ästhetik und Ethik in der Praktischen Theologie. Perspektiven der Kasualpraxis, in: Th.Schlag/Th.Klie/R.Kunz (Hrsg.,2007): Ästhetik und Ethik. Die öffentliche Bedeutung der Praktischen Theologie, 95-109.

Schori, K. (2003): Probleme einer Anthropologie des Kindes, in: ZPT 1/2003, 47-64.

Schori, K. (2004): Gottesbild und Gotteserfahrung. Zur Praxis der empirischen Gottesbildforschung bei kleine-ren Kindern, in: ZPT 2/2004, 164-174.

Zehnder, S., Morgenthaler, Ch. & Käppler, C.: Religious socialisation in the family - A multi-dimensional and multi-level perspective. In: Robbins, M., Astley, J. & Francis, L. J. (Hg.): Qualitative, quantitative and com-parative perspectives in empirical theology, London: Brill Academic Publisher.



Dokumente:

  Poster Projekt Morgenthaler
NFP52_Morgenthaler_poster.pdf (1888KB)
22.01.2007    Download >
  Broschüre "Rituale in Familien", Mai 2007
Broschuere_Rituale.pdf (359KB)
07.05.2007    Download >
  Medienmitteilung Rituale Mai 2007
Medienmitteilung_Rituale_Mai2007.pdf (91KB)
07.05.2007    Download >

Links:


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Themenheft NFP 52 «Welcher Kitt hält die Generationen zusammen»
Artikel Seite 12 «Familienrituale – Kitt der Generationen?»
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