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Grundlagen für eine archäologische Kindheitsforschung

Zusammenfassung der Resultate

Ausgangslage
Alle Gesellschaften machen Unterschiede zwischen erwachsenen und heranwachsenden Personen. «Kindheit» in diesem Sinne scheint ein universales Phänomen zu sein, das auch für die Urgeschichte anzunehmen und für viele archäologische Kulturen zu belegen ist. In der Schweizer Urgeschichtsforschung waren die Lebensverhältnisse von urgeschichtlichen Kindern und Jugendlichen bisher jedoch kein Thema. Die Gründe dafür sind vielfältig. Neben der Fokussierung des Faches auf andere Themen behindert und verzerrt die unreflektierte Übertragung unseres heutigen Kindheitskonzeptes in die Vergangenheit Forschungen über urgeschichtliche Kinder: Kindheit gilt bei uns als eine «Zeit des Spielens und Lernens», und Kinder und Jugendliche werden nicht als historische Subjekte betrachtet. Diese Zuschreibungen dürften der Grund dafür sein, dass in der Archäologie alle historisch bedeutsamen Prozesse in der «Erwachsenenwelt» verortet werden und Kinder und Jugendliche im Quellenbestand als «weitgehend unsichtbar» gelten. Kulturelle Muster werden auf Basis der «Erwachsenenwelt» erarbeitet. Da sie als Norm für alle Altersgruppen gesetzt werden, erscheinen altersspezifische Muster folglich als «Abweichungen», «Ausnahmen» und «Kuriositäten».

Ergebnisse: Analyse des Status quo
Neben der Übertragung heutiger westlicher Vorstellungen werden Aussagen über urgeschichtliche Kinder durch weitere Aspekte entscheidend geprägt. Hier ist zunächst ein Theorie- und Methodendefizit zu nennen, das bedingt, dass die Möglichkeiten urgeschichtlicher Kindheitsforschung bisher nicht systematisch ausgelotet wurden. Ein weiterer Aspekt ist die in der Regel nach Disziplinen getrennte Auswertung der vorhandenen Quellen: Die archäologischen Quellen werden durch die Prähistorische Archäologie, die sterblichen Überreste durch die Biologische Anthropologie unter den spezifischen Fragestellungen und mit den Interpretationsmustern der jeweiligen Disziplin ausgewertet. Die Folge davon ist eine disziplinäre Fragmentierung des Wissens über urgeschichtliche Kinder und Jugendliche. Des weiteren ist eine starke Simplifizierung des Phänomens «Kindheit» festzustellen: Aus dem Blickwinkel des bruchstückhaften und lückenhaften Bestandes der Quellen betrachtet, reduzieren sich die komplexen Lebensbedingungen von Kindern auf die wenigen Aspekte, die sich unmittelbar im Quellenbestand abzuzeichnen scheinen (z. B. «Spielzeug»). Die Folge davon ist eine quasi «zeitlose», sehr rudimentäre und klischeehafte Darstellung von Kindheit in der archäologischen Fachliteratur. In anthropologischen Publikationen, die sich quellenbedingt mit den früh verstorbenen Kindern beschäftigen, richtet sich der Fokus auf kranke, mangelernährte oder durch einen Unfall oder Gewalteinwirkung zu Tode gekommene Kinder, was ebenfalls zu einem verzerrten Bild führt.

Ergebnisse: Neubewertung der Quellen und interdisziplinärer Forschungsansatz
Vor dem geschilderten Hintergrund hat sich das Projektteam, in dem verschiedene Fachrichtungen vertreten waren (Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie, Biologische Anthropologie, Ethnologie, Gender Studies und Psychoanalyse), auf drei Punkte konzentriert:

1. Reflexion der eigenen Zuschreibungen an Kinder und Erwachsene sowie der eigenen kulturellen und fachspezifischen Denk- und Interpretationsmuster in Bezug auf Kindheit

2. systematische Zusammenstellung der Möglichkeiten archäologischer Kindheitsforschung mittels archäologischer und anthropologischer Quellen

3. Entwicklung eines interdisziplinären Ansatzes für archäologische Kindheitsforschung

Die multidisziplinäre Zusammensetzung des Projektteams erwies sich als sehr fruchtbar, da durch die verschiedenen Fachrichtungen die Reflexion der eigenen kulturellen und fachspezifischen Denk- und Interpretationsmuster verstärkt wurde. Die Ergebnisse dieses Reflexionsprozesses flossen auch in die Zusammenstellung der Möglichkeiten archäologischer Kindheitsforschung ein. Für die archäologischen Quellen ist hier vor allem eine neue Sichtweise zu vermerken, die davon ausgeht, dass Kinder nicht nur gespielt haben, sondern auch substantiell mitgearbeitet und einen Teil der damaligen materiellen Kultur hergestellt haben. Aus dieser Perspektive sind Herstellungsspuren an und die Grössenvariabilität von Artefakten aussagekräftig. Neue Wege wurden auch bei der Erarbeitung des kindheitsgeschichtlichen Potentials der Anthropologie eingeschlagen, da hier erstmals konsequent kindheitsbezogene Daten auf Basis der sterblichen Überreste von Erwachsenen in die Betrachtung einbezogen wurden und so die Fokussierung auf kranke Kinder aufgebrochen wurde. Es konnte eine Vielfalt von methodischen Ansätzen zusammengestellt werden, die Aussagen zu verschiedenen Bereichen erlauben, u. a. zu Wachstum und Entwicklung, Kinderernährung, Pflege und Fürsorge, Gesundheitszustand, Gewalt und Aggression, körperliche Aktivitäten, Interaktionen Erwachsene – Kind, geschlechtsspezifische Lebensumstände von Mädchen und Jungen, Familienstrukturen, Verwandtschaftsrekonstruktion und geographische Mobilität.

Neben Anregungen für selbstreflexives Forschen in einem multidisziplinären Team beinhaltet der von uns entwickelte interdisziplinäre Ansatz theoretische Grundlagen für eine archäologische Kindheitsforschung, welche einen umfassenderen Blick auf urgeschichtliche Kindheiten und die Generierung neuer Fragestellungen, Prämissen und Hypothesen erlauben. Im einzelnen umfasst er folgende Punkte:

- Reflexion der kulturellen und fachspezifischen Denk- und Interpretationsmuster als fester Bestandteil des Forschungsprozesses

- Definition von «Kind» aus psychoanalytischer Sicht, welche die biologische und psychosoziale Reifung und Entwicklung, das Verhältnis Individuum – Gemeinschaft, die Abhängigkeit der Kinder von der Gemeinschaft sowie die Sozialisation konzeptualisiert

- Kinder und Jugendliche als soziale Akteure, die Anteil an historischen Prozessen haben

- Alter und Geschlecht als soziale Strukturkategorien, die mit weiteren Faktoren sozialer Differenzierung in Wechselwirkung stehen; «Kindheit» und «Jugend» bzw. «Kinder» und «Jugendliche» sowie «Mädchen» und «Jungen» sind moderne Kategorien, die sich zwar als Arbeitsbegriffe eignen, die aber nicht der emischen Altersstruktur entsprechen müssen

- Definition von «Kindheit» als
a) eine Zeit des biologischen Wachstums, schneller psychosozialer Reifung und des intensiven Lernens
b) eine soziale Kategorie von grosser innerkultureller und kulturübergreifender Variabilität

- Integration ethnologischer Kindheitsforschung zur Erweiterung des Interpretationsspektrums und zur Generierung neuer Fragestellungen

- interdisziplinäre Auswertung aller verfügbaren Quellen

Empfehlung
Die Entwicklung einer interdisziplinären Forschungsperspektive und damit eines umfassenderen Blicks auf Kindheiten lässt sich am besten in einem multidisziplinären Team verwirklichen.

Weitere Informationen über das Projekt

Die archäologische Kindheitsforschung steckt weltweit noch in den Kinderschuhen. Das Projekt greift erste Ansätze aus dem Ausland auf und entwickelt sie aus interdisziplinärer Perspektive von Archäologie, Ethnologie und Anthropologie zu einem theoretischen und methodischen Fundament weiter.

Hintergrund
In der Urgeschichtlichen Archäologie der Schweiz sind die Lebensverhältnisse von Kindern und Jugendlichen bisher kein Thema. Diese Forschungslücke wird durch die unreflektierte Übertragung unseres heutigen Kindheitskonzeptes in die Vergangenheit kompensiert. Das zeigt sich in aller Deutlichkeit auf Lebensbildern zur Urgeschichte, auf denen Kinder und Jugendliche – wenn überhaupt – als «Statisten in einer Welt der Erwachsenen» dargestellt werden.

Ziele
Zielsetzung des Projektes ist es, ein Konzept für urgeschichtliche Kindheitsforschung in der Schweiz zu entwickeln. Die Ziele im Einzelnen sind:
1. Bestimmung und Eingrenzung des Gegenstandes «Kindheit»
2. Auseinandersetzung mit unseren heutigen Kindheitskonzept, das in der Forschungsarbeit den Blick auf urgeschichtliche Kinder und Jugendliche verengt und verzerrt
3. Zusammenstellung der archäologischen Quellen zu Kindern und Jugendlichen in der Urgeschichte
4. Darstellung der Informationen, die sich durch die anthropologische Untersuchung der Skelette von Kindern und Jugendlichen gewinnen lassen
5. Zusammenführung und kritische Betrachtung bestehender erster Ansätze zu archäologischer Kindheitsforschung
6. Entwicklung von drei ethnoarchäologischen Analogiemodellen zur Analyse und Interpretation archäologischer und anthropologischer Daten

Bedeutung
Das Projekt ist die erste Stufe eines grösseren Konzeptes. In der zweiten Stufe sollen die erarbeiteten Forschungsansätze in Fallstudien angewandt und optimiert werden. In der dritten Stufe werden neue Lebensbilder konzipiert, die in Museen und Schulen als Medium eingesetzt werden, um mit Kindern und Jugendlichen über ihre eigene kulturelle Identität ins Gespräch zu kommen und sie zur bewussteren Gestaltung ihrer eigenen Lebenswelten zu ermuntern.

Projektdauer: 01.05.04–30.04.06

Bewilligtes Projekt: CHF 100 000

Proposal no.: 405240-69061

Anschrift der Hauptgesuchstellerin:
Dr. Brigitte Röder
Institut für Prähistorische und Naturwissenschaftliche Archäologie
Universität Basel
Spalenring 145
4055
 Basel
Tel. 061 201 02 36
Fax 061 201 02 55
E-Mail brigitte.roeder@unibas.ch

www.genderstudies.unibas.ch/frame_foroeder.html 


Publikation


Hug, B. (2008), Childhood: An ethno-psychological approach. In: Dommasnes, L., Wrigglesworth, M. (eds.) Children, Identities and the Past. Cambridge Scholars Publishing, 83-95.

Röder, B. (2008), Archaeological Childhood Research as Interdisciplinary Analysis. In: Dommasnes, L., Wrig-glesworth, M. (eds.) Children, Identities and the Past. Cambridge Scholars Publishing, 68-82.

Brigitte Röder, «Waren Menschen früher so klein» UNI NOVA 96, 2004, 22-24



Dokumente:

  Abstract Projekt Röder
NFP52_Abstract_Roeder.pdf (69KB)
09.02.2007    Download >

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