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Die Internet-Generation. Ans Netz auch für ärztliche Hilfe?

Zusammenfassung der Resultate

Jugendliche befinden sich in einer Phase grosser körperlicher, geistiger und seelischer Änderungen, die gesundheitsbezogene oder psychosoziale Probleme auslösen kann. Die meisten Jugendlichen meistern diese Zeit ohne ernsthafte Krisen, nicht zuletzt weil sie sich Hilfe bei Eltern und Freunden suchen können. Andere Jugendliche haben Mühe, Hilfe zu suchen, weil sie entweder schlechten Zugang zu Ansprechpersonen haben oder die psychologischen Kosten, die mit dem Hilfesuchverhalten verbunden sind, für die Lösung des Problems zu hoch sind. Mit psychologischen Kosten ist unter anderem gemeint, dass das Hilfesuchen mit einem Zeichen von Schwäche oder Abhängigkeit verbunden sein kann, oder mit Sorgen darüber, ob das eigene Anliegen ernst genommen und vertraulich behandelt wird. Die Eigenschaften des Internets reduzieren aufgrund von Anonymität und dem Fehlen sozialer Hinweisreize solche psychologischen Kosten, begünstigen Offenheit in der Kommunikation und bauen soziale Hemmungen ab. Aus diesem Grund ist nicht erstaunlich, dass ein hoher Anteil Jugendlicher und Erwachsener sich Informationen zu gesundheitsbezogenen und psychosozialen Themen im Internet holt.

Das Universitätsspital Zürich bietet seit August 1999 unter www.onlineberatung-unispital.ch kostenlosen und anonymen Rat für medizinische Probleme an. Im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 52 "Kinder, Jugend- und Generationenbeziehungen im Gesellschaftlichen Wandel" und in Zusammenarbeit mit dem Kinderspital Zürich wurde vom Universitätsspital Zürich im August 2003 zusätzlich die medizinische Online-Beratung für Kinder und Jugendliche (MOB-J) aufgeschaltet (www.medizinmann.unispital.ch).

Die eingehenden Fragen an die MOB-J wurden vom Notfallärzteteam des Kinderspitals Zürich bearbeitet. Neben Angaben zu Geschlecht und Alter sowie Qualitäts- und Effektivitätsfragen wurden die Nutzer der MOB-J aufgefordert an einer Online-Befragung über psychosoziale Ressourcen teilzunehmen. Unter psychosozialen Ressourcen werden unter anderem die Beziehung zu den Eltern, die Selbstwirksamkeit, das Bildungsniveau und die Depressive Gestimmtheit verstanden. Ziel war es, herauszufinden, ob sich Nutzer der MOB-J prinzipiell und hinsichtlich verschiedener anderer Faktoren in diesen psychosozialen Ressourcen charakterisieren lassen.

Üblicherweise ist das Hilfesuchverhalten mit einer guten Beziehung zu den Eltern, hoher Selbstwirksamkeit und mit geringer Depressivität assoziiert. Der Vergleich der Nutzer der MOB-J mit Jugendlichen anderer Studien zeigt, dass die Nutzer der MOB-J eine weniger gute Beziehung zu ihren Eltern haben, ihre Probleme häufiger mit Freunden besprechen würden, und eine tiefere Selbstwirksamkeit aufweisen als Jugendlichen die an anderen Studien teilnahmen. Jugendliche, die MOB-J benützen, weisen also einige negative Abweichungen hinsichtlich psychosozialer Ressourcen auf und normalerweise suchen diese Jugendlichen seltener Hilfe. Die Niederschwelligkeit des MOB-J Angebotes scheint also Jugendliche anzuziehen, die ansonsten weniger nach Hilfe suchen würden. Dies bestätigt sich auch dadurch, dass üblicherweise Hilfsangebote vermehrt von Frauen in Anspruch genommen werden, bei der MOB-J jedoch mehr männliche Jugendliche insbesondere sehr intime und persänliche Fragen stellen. Bei den Mädchen, die bei der MOB-J persänliche Fragen stellen, fällt auf, dass sie eine wenig tragfähige Beziehung zu ihrer Mutter haben und diese anscheinend für sie nicht als Ansprechperson in Frage kommt.

Die Gesundheitsthemen zu denen Anfragen an die MOB-J gestellt wurden sind auf der einen Seite sehr vielfältig, auf der anderen Seite gibt es jedoch vor allem von männlichen Nutzern immer wieder Fragen, die "genitale Probleme" oder die "sexuelle körperliche Entwicklung" von Jungen betreffen. Deutlich unterscheiden sich die Frageinhalte vor allem von Fragen von 51– bis 90-jährigen Nutzern der medizinischen Online-Beratung für Erwachsene (MOB-E). Jugendliche stellen vielfach allgemeine Fragen, ältere Menschen hingegen stellen vermehrt spezifische Fragen zu Krankheiten, die mit starken Schmerzen oder physischen Beeinträchtigung verbunden sein können. Unterschiede zwischen jugendlichen Nutzern und älteren Nutzern bestehen auch im Hinblick auf Änderungen der Verhaltensabsichten. Ältere Menschen möchten eher der Empfehlung der Online-Ärzte einen Arzt aufzusuchen Folge leisten, auch wenn sie dies vorher nicht geplant hatten. Jüngere Anfragende würden der Aufforderung seltener nachkommen.

Das Projekt gibt Hinweise darauf, dass jugendliche Nutzer einer Online-Beratung möglicherweise ein weniger gutes psychosoziales Ressourcenprofil aufweisen, als gleichaltrige Jugendliche. Insbesondere scheinen sich Jugendliche an die Online-Beratung zu wenden, die mit den Eltern auf weniger gutem Fuss stehen. Jedoch hat sich gezeigt, dass Online-Beratung den Bedürfnissen männlicher Jugendlicher nach Niederschwelligkeit von Beratungsangeboten entgegenkommt und männliche Jugendliche sich im Rahmen der MOB-J so wohlfühlen, dass sie sehr intime und persönliche Fragen stellen.

Gerade weil jedoch Jugendliche sehr persönliche und intime Fragen stellen und offensichtlich sich Jugendliche mit weniger guten psychosozialen Ressourcen Rat im Internet holen, ist es wichtig, den Jugendlichen Strategien zu vermitteln, mittels derer sie seriöse und unseriöse Angebote voneinander unterscheiden kännen. Die vorliegende Studie hat auch gezeigt, dass nicht die Dienstleistung allein sondern auch das Gefäss der Dienstleistung einen Einfluss darauf hat, wer gesundheitsbezogene Fragen stellt. So ist der Altersdurchschnitt der 12- bis 20-jährigen MOB-J Benutzer jünger und sie stellen deutlich mehr Fragen zu sexuellen Themen, als die 14- bis 20-jährigen MOB-E Benutzer, die älter sind und mehr Fragen haben, die nur dem Kategorie "sonstige medizinische Fragen" zugeordnet werden können.

Weitere Informationen zum Projekt

In Zusammenarbeit mit dem Kinderspital Zürich bietet das Universitätsspital Zürich eine kostenlose, anonyme medizinische Online-Beratung für Kinder und Jugendliche an. Ziel ist es, Profile der jugendlichen Nutzer der Online-Beratung zu erstellen sowie die Effektivität und Akzeptanz des Angebotes zu überprüfen.

Hintergrund
Wichtige Eigenschaften des Internets sind die zeitlich und örtlich unabhängige Verfügbarkeit von Informationen sowie die Anonymität der Nutzer. Immer mehr Jugendliche nutzen das Internet, um nach gesundheitsbezogenen Informationen zu suchen. In Zusammenarbeit mit dem Kinderspital Zürich bietet das Universitätsspital Zürich eine Online-Beratung für Kinder und Jugendliche an, welche die Beantwortung individueller Gesundheitsfragen durch ein spezialisiertes Ärzteteam des Kinderspitals ermöglicht.

Ziele
Ziel des Projektes ist es, Besonderheiten der jugendlichen Nutzerinnen und Nutzer der medizinischen Online-Beratung kennen zu lernen und herauszufinden, wer Hilfe bei der Online-Beratung sucht und weshalb. Von Interesse ist dabei, ob der Gebrauch der Online-Beratung z.B. mit dem Alter, mit medizinischen und psychosozialen Problemen oder mit verschiedenen Ressourcen der Nutzenden zusammenhängt. Weiter wird die Effektivität und die Akzeptanz der Online-Beratung überprüft und es wird die Thematik der gestellten Fragen analysiert.

Methoden/Vorgehen
Nach der Programmierung der Internet-Plattform der medizinischen Online-Beratung für Kinder und Jugendliche folgt die Kontaktaufnahme und das Verteilen von Informationen an verschiedenen repräsentativ ausgewählten Schulen im Kanton Zürich. Darüber hinaus wurde ein Bericht in der Tagespresse lanciert. Geplant ist, dass die Online-Beratung bis Dezember 2004 in Betrieb ist. Während dieser Laufzeit wird mit dem Eingang von mehr als 1000 Fragen gerechnet. Die Fragen werden anhand eines Online-Formulars gestellt. Der Fragesteller selbst bleibt bis auf seine E-Mail Adresse anonym und kann freiwillig einen Online-Fragebogen ausfüllen, dessen Beantwortung etwa 10 bis 15 Minuten in Anspruch nimmt. Der Online-Fragebogen beinhaltet unter anderem Fragen zu soziodemographischen Variablen, zum Bewältigungsverhalten und zum sozialen Umfeld. Nach Erhalt der Antwort wird der Nutzende aufgefordert, Fragen zu beantworten, die Hinweise auf Verständlichkeit und Problemlösegrad der Antwort geben. Die vorliegenden Daten werden im Anschluss an die Erhebung mit statistischen Verfahren bearbeitet.

Bedeutung
Die Studie gibt Aufschluss darüber, in welchem Umfang die medizinische Online-Beratung von Jugendlichen genutzt wird und in welchen Themenbereichen am häufigsten Fragen gestellt werden. Zusätzlich werden die Profile der jugendlichen Nutzerinnen und Nutzer untersucht um herauszufinden, ob speziell Kinder und Jugendliche aus Risikogruppen die Vorteile des Internets nutzen und ob die medizinische Online-Beratung insbesondere für diese Kinder und Jugendliche eine sinnvolle Ressource sein kann.

Projektdauer: 01.05.03–31.03.05

Bewilligtes Projekt: CHF 100 495

Proposal no.: 405240-69028

Anschrift des Hauptgesuchstellers:
Dr. Eberhard Scheuer
Geschäftsstelle eHealth
Aerztliche Direktion
Universitätsspital Zürich
Rämistrasse 100, D HAL 18 2
8091 Zürich
Tel. 044 255 88 82
E-Mail scheuer@ehealth-consulting.ch

Prof. Felix Sennhauser
Universitäts-Kinderklinik Zürich
Steinwiesenstrasse 75
8032 Zürich
Tel. 044 266 73 02/03
E-Mail felsen@kispi.unizh.ch  

Prof. Thomas Pasch
Universitätsspital Zürich
Institut für Anästhesiologie
Rämistrasse 100
8091 Zürich
Tel. 044 255 26 95
E-Mail thomas.pasch@usz.ch



Dokumente:

  Poster
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06.09.2005    Download >

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