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Mediennutzung und kultureller Hintergrund: Medien im Alltag von Kindern und ihren Eltern

Zusammenfassung der Resultate

Ausgangspunkt des Projekts
Der Einfluss der klassischen wie auch der neuen Medien und Kommunikationstechnologien auf die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen ist unbestritten. In der modernen westlichen Mediengesellschaft werden junge Menschen mit Migrationshintergrund oft mit verschiedenen – zum Teil sehr widersprüchlichen – kulturellen Codes und Normen konfrontiert. Obschon in der Schweiz der Anteil von Immigrantinnen und Immigranten 20% beträgt, wurde die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen mit entsprechendem Hintergrund noch nicht umfassend untersucht.

Forschungsfragen
Das im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen (NFP 52) durchgeführte Forschungsprojekt untersucht die Rolle und Funktionen der klassischen, aber insbesondere auch der neuen Medien – Stichwort "Internet" – im Lebenszusammenhang und speziell bezüglich der Identitätsentwicklung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, wobei folgende Fragen im Zentrum stehen:

Welche Rolle spielen die klassischen Massenmedien und die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien (IuKT) bezüglich Medienzugang, Nutzungsintensität, Medienfunktionen und bevorzugten Sendungen im Leben von Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Vergleich zu Schweizer Jugendlichen?

Wie stark prägt der kulturelle Hintergrund (Herkunft, Religion etc.) neben anderen demografischen Faktoren (Gender, Bildung, familiärer Hintergrund) den Medienumgang?

Welche Rolle spielen Medien und IuKT für die Identitätsentwicklung bei Jugendlichen im familiären und generationsübergreifenden und interkulturellen Setting?

Die quantitativen Befunde des Projekts basieren auf folgenden Daten: Medienbesitz (zu Hause und im Zimmer), Medienfrequenzen, Medienzeiten, Medienfunktionen, Medienpräferenzen, Nutzungstypen, Persönlichkeitsaspekte (Werthaltungen), kulturelle Identität, sozialer Hintergrund (Familie, Peers, Schule), Soziodemografie.

Methoden
Das Forschungsprojekt thematisiert seinen Untersuchungsgegenstand "Medien, Migration, Jugend" aus einer interdisziplinären Perspektive, wobei es auf zwei verschränkten Teilprojekten mit unterschiedlichen methodischen Zugriffen basiert:

Eine quantitative Studie wurde im Sommer 2004 mittels einer schriftlichen Befragung im Kanton Zürich durchgeführt. Die Stichprobe basiert auf 88 Schulklassen, bestehend aus 1486 Jugendlichen im Alter von 12-16 Jahren. Ausgewählt wurden Klassen mit einem hohen Anteil an fremdsprachigen Heranwachsenden: Rund ein Drittel der Befragten haben einen Schweizer Hintergrund, bei zwei Dritteln ist mindestens ein Elternteil in einem anderen Land geboren.

Eine qualitative Studie in Form einer ethnografischen Feldstudie widmete sich vor allem der dritten Fragestellung zur Identitätsthematik: Über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren wurden acht Familien mit türkischem oder türkisch-kurdischem Hintergrund mehrmals besucht. Neben Tiefeninterviews mit den Eltern und den Kindern wurden auch visuelle Methoden (Fotos) eingesetzt, um einen differenzierten Einblick in die Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen zu erhalten.

Befunde (Auswahl)
Medienzugang zu Hause: Schweizer Familien sind (mit Ausnahme von Fernsehen und Satelliten-TV) insgesamt besser und umfassender mit Medien ausgerüstet als eingewanderte Familien; so sind Kinder und Jugendliche von Migrantenfamilien besser mit Computer und ICT ausgestattet als ihre Schweizer Kolleg/innen. Spitzenreiter in diesem Bereich sind die türkischstämmigen Jugendlichen, von denen rund 70% in ihrem Zimmer einen eigenen Computer mit Internetanschluss besitzen und diesen rege benutzen. Im Gegensatz dazu gibt es deutlich weniger Printmedien (Bücher, abonnierte Zeitungen und Zeitschriften) in der Haushalten mit Migrationshintergrund.

Mediennutzung: Analog zu den Befunden aus Studien in Deutschland und den Niederlanden (D’Haenens 2003, Weiss/Trebbe 2001) konnte festgestellt werden, dass Schweizer Jugendlichen Radio und Bücher häufiger und länger nutzen

Das Fernsehen ist nach wie vor das wichtigste Medium. Jugendliche aus zugewanderten Familien schauen aber länger, jedoch nicht häufiger fern als ihre Schweizer Kameraden.

Im Gegensatz zu ausländischen Studien gibt es keine sog. "Digitale Kluft" zwischen Schweizer und Migrationsjugendlichen. Das Segment jener, die das Internet überhaupt nicht nutzt, ist zwar bei den Migrationsjugendlichen etwas grösser, aber im Durchschnitt nutzen Jugendliche mit Migrationshintergrund die neuen Medien Computer und Internet sogar noch mehr als Schweizer Jugendliche.

Im Unterschied zu Schweizer Jugendlichen, die vor allem schweizerische und globale Medienangebote nutzen, spielen für Kinder von eingewanderten Familien Angebote aus dem Heimatland ebenfalls eine Rolle. Im Unterschied aber zu deren Eltern, die oft stark auf heimatliche Medien ausgerichtet sind, suchen die Kinder bewusst den Zugang vor allem auch zu globalen Medienangeboten.

Medienpräferenzen: Entgegen der weit verbreiteten Annahme, dass junge Menschen mit Migrationshintergrund in einer Art Parallelgesellschaft oder einem Medienghetto leben, zeigt die vorliegende Studie, dass es sich bei dieser Gruppe nicht um eine homogene Gemeinschaft handelt. Vielmehr zeichnen sie sich aus durch eine hohe Individualität und Vielfalt.

Medien und Kultur: Jugendliche mit Migrationshintergrund fühlen sich sowohl mit der Kultur ihres Herkunftslandes sowie mit der Schweiz verbunden. Am stärksten verwurzelt fühlen sie sich in ihrem Wohnort und einem Beziehungsnetz bestehend aus Peers und Verwandten, die oft weit von ihnen entfernt leben.

Empfehlungen
Politiker, Lehrpersonen und Medienvertreter, aber auch die Gesellschaft überhaupt sollten sich im Zusammenhang von "Migration und Jugend" folgende Dinge bedenken:

Entgegen der weit verbreiteten Annahme, dass junge Menschen mit Migrationshintergrund in einer Art Parallelgesellschaft oder einem Medienghetto leben, zeigt die vorliegende Studie, dass es sich bei dieser Gruppe nicht um eine homogene Gemeinschaft handelt. Vielmehr zeichnen sich Jugendliche mit Migrationshintergrund durch eine hohe Individualität und Vielfalt sowohl in kultureller als auch in sozialer Hinsicht aus. Politische Massnahmen, Schulprojekte oder Medienberichterstattung sollten diese real existierende Vielfalt als Konsequenz stärker berücksichtigen.

Migrationsjugendliche fühlen sich vielfach als nicht völlig zugehörig sowohl zur Kultur ihres Herkunftslandes wie auch zur Kultur der Schweiz. Die stärksten Wurzeln entwickeln sie jedoch in der Kultur, in der sie aufwachsen und leben sowie in einem breiten sozialen Beziehungsnetz – oft international geprägt – aus Verwandten, Bekannten, Freunden und Peers. Migrationsjugendliche versuchen eine Balance zu finden und überbrücken diese unterschiedlichen Weltsichten, indem sie diese in eine neuartige Formen hybrider Identität integrieren.

Das Aufwachsen im Spannungsfeld verschiedener Kulturen kann sowohl zu Konflikten als auch zu einer produktiven Auseinandersetzung und Vermittlung zwischen den Kulturen führen. Die politisch vielfach geäusserte Zielsetzung einer quasi vollständigen Assimilation in eine als homogen verstandene schweizerische Kultur bzw. die Fixierung nur auf Probleme entspricht der heutigen realen Situation von Migrationsjugendlichen jedoch nicht und ist kontraproduktiv.

Junge Menschen mit Migrationshintergrund und ihre Eltern haben hohe Erwartungen an das Bildungssystem und setzen grosse Hoffnungen in ihre Zukunft. Sie sind auch bereit, einen entsprechenden Einsatz zu leisten. Diese hohen Bildungsaspirationen stehen im Widerspruch zu der immer noch existierenden schulischen Benachteiligung von Kindern aus fremdsprachigen Familien. Trotz der schwierigen Umstände sind die Jugendlichen mehrheitlich zufrieden und zuversichtlich.


Weitere Informationen zum Projekt

Neue Medien und eine Globalisierung des Medienangebots sprengen lokale und nationale Grenzen und machen unterschiedlichste kulturelle Welten zugänglich. Diese Studie untersucht den Medienumgang von Kindern im Migrationskontext.

Hintergrund
In der Schweiz fehlen bis heute Studien, welche die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen im Hinblick auf ihren kulturellen Hintergrund untersuchen. Gerade im Bereich der Migration, wo es um Fragen der Integration und der Orientierung in unterschiedlichen kulturellen Wertsystemen geht, können die Medien - dies die Hypothese - als eine Ressource bei der Identitätsentwicklung verstanden werden.

Ziele
Dieses interdisziplinär angelegte Projekt will mittels quantitativer und qualitativer Untersuchungen diese Prozesse im Spannungsfeld der Generationen sichtbar machen und damit Grundlagen für die Entwicklung von Konzepten kultureller Identitätsarbeit in einer globalen Medienwelt bereitstellen. Dabei interessiert vor allem, wie Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund die Medien in der Problematik zwischen Integration und Aufrechterhaltung von Bindungen an die Heimatkultur einsetzen. Ein weiterer Fokus richtet sich aber auch auf geschlechts-, bildungs- oder schichtspezifische Aspekte, welche nebst dem kulturellen Hintergrund wesentlich zu Unterschieden im Medienumgang beitragen. Die Ergebnisse der Studie liefern Grundlagen für die Entwicklung von medienpädagogisch ausgerichteten Unterrichtsmaterialien mit dem Ziel, ausländische Schülerinnen und Schüler und ihre Ressourcen gezielter zu fördern.

Methoden/Vorgehen
Es werden ca. 50 Schulklassen im Kanton Zürich (12- bis 16-jährige Schülerinnen und Schüler mit und ohne Migrationshintergrund) mittels schriftlichem Fragebogen zu ihrem Medienverhalten befragt (IPMZ, Universität Zürich). Im qualitativen Teil werden acht türkischen Familien mittels Tiefeninterviews zur Bedeutung der Medien für ihren Alltag Fragen gestellt; gleichzeitig werden Medienjournale (Tagebücher über den Mediengebrauch) von Schulklassen ausgewertet (Departement Forschung und Entwicklung der Pädagogischen Hochschule Zürich).

Bedeutung
Kinder und Jugendliche werden als «aktive» Mediennutzende wahrgenommen, die gezielt und zweckorientiert mit Medien umgehen. Ihr Medienverhalten kann demnach als Aneignung und Bedeutungskonstituierung «kultureller Materialien» verstanden werden, welche sie als Ressource für ihre Identitätsentwicklung nutzen können. Es gilt einerseits, diese Ressourcen genauer zu untersuchen, und andererseits sie in der Schule fruchtbar zu machen und zu fördern.

Projektdauer: 01.10.03-31.03.06

Bewilligtes Projekt: CHF 177 749

Proposal no.: 405240-69059

Anschrift des Hauptgesuchstellers:
Prof. Heinz Moser
Abteilung Unterrichtsprozesse und Medienpädagogik
Pädagogische Hochschule Zürich
Kantonsstrasse 1
8090 Zürich
Tel. 043 305 51 58
Fax 043 305 63 01
E-Mail heinz.moser@phzh.ch  

Prof. Heinz Bonfadelli
IPMZ - Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung
Universität Zürich
Andreasstrasse 15
8050 Zürich
Tel. 01 634 46 77
Fax 01 634 49 34
E-Mail h.bonfadelli@ipmz.unizh.ch  


Publikationen

Bonfadelli, H., Bucher, P. (2006), Mediennutzung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund: Inklusion oder Exklusion? In: Imhof, K., Blum, R., Jarren, O., Bonfadelli, H. (Hrsg.): Demokratie in der Mediengesellschaft. Mediensymposium Luzern Band 9. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden, 319–340.

Bonfadelli, H., Moser, H. (Hrsg.), 2007, Medien und Migration Europa als multi¬kultureller Raum? VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden.

Bonfadelli, H. (2007), Keine Belege für die "Ghetto-These". Aktuelle Studien zur Mediennutzung von Migranten. In: Journalistik Journal, Heft 2.

Bonfadelli, H., Bucher, P., Piga, A. (2007), Use of old and new media by ethnic minority youth in Europe with a special emphasis on Switzerland. In: Communications, 32 (2), 141–170.

Bonfadelli, H., Bucher, P. (2007), Alte und neue Medien im Leben von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. In: Kompetenzzentrum Informelle Bildung (Hrsg.): Grenzenlose Cyberwelt? Wiesbaden, 137–151.

Bonfadelli, H. (2007), Die Darstellung ethnischer Minderheiten in den Massenmedien. In: Bonfadelli, H. / Moser, H. (Hrsg.), Medien und Migration Europa als multikultureller Raum? VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden, 95–116.

Bucher, P., Bonfadelli, H. (2007), Mediennutzung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in der Schweiz. In: Bonfadelli, H., Moser, H. (Hrsg.), Medien und Migration Europa als multikultureller Raum? VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden, 119–145.

Bucher, P., Bonfadelli, H. (2007), Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Umgang mit Medien. In: In: Hoffmann, D., Mikos, L., Winter, R. (Hrsg.), Medien, Identität, Identifikationen. Juventa: Weinheim, 223–245

Bucher, P., Bonfadelli, H. (2006): Lesen im multikulturellen Umfeld. In: Leseforum Schweiz (15/06), S. 4-7.

Bucher, P., Bonfadelli, H. (2006): Mediennutzung von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund. In: ph akzente 4, 3–6.

Bucher, P., Hermann, Th. (2007), Medienghetto oder Integrationshilfe? In: terra cognita. Schweizerische Zeit-schrift zu Integration und Migration 11, 52–55.

Hermann, Th., Hanetseder, Ch. (2007), Jugendliche mit Migrationshintergrund: heimatliche, lokale und globale Verortungen. In: Bonfadelli, H., Moser, H. (Hrsg.). Medien und Migration. Europa als multikultureller Raum? Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 237–271.

Moser, H. (2005): Globalisierung als Problem des Medienzeitalters. In: Päd Forum 2, 2005, 86–89.

Moser, H., Hanetseder, Ch., Hermann, Th. (2006), Jugendliche mit Migrationshintergrund. Heimatliche, lokale und globale Verortungen. In: ph akzente, 4, 8–12.

Moser, H. (2006): Medien und die Konstruktion von Identität und Differenz. In: Treibel, A., Maier, M., Kommer, S., Welzel, M. (Hrsg.) Gender medienkompetent. Medienbildung in einer heterogenen Gesellschaft, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden, 53–74.

Moser, H., Hanetseder, Ch., Hermann, Th. (2007), Embodied Spaces: Medien im alltagsästhetischen Arrange-ment. In: Hoffmann, D., Mikos, L., Winter, R. (Hrsg.), Medien, Identität, Identifikationen. Juventa Verlag: Weinheim, 247–261.

Moser, H. (2007), Medien und Migration: Konsequenzen und Schlussfolgerungen. In: Bonfadell, H., Moser, H. (Hrsg.), Migration und Medien. Europa als multikultureller Raum? Wiesbaden: Verlag für Sozialwissen-schaften, 347–366.

Moser, H. (2007), Lebensperspektiven im Kontext des Globalen, Lokalen und Originären In: Riegel, Ch., Gei-sen, Th. (Hrsg.), Jugend, Zugehörigkeit und Migration. Subjektpositionierung im Kontext von Jugendkultur, Ethnizitäts- und Geschlechterkonstruktion. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 183-206

Moser, H. (2007), Interkulturelle Medienbildung. Aufgaben, Ziele, Perspektiven. In: Hugger, K.-U., Hoffmann, D. (Hrsg.), Medienbildung in der Migrationsgesellschaft, Bielefeld, 52-63

Ernst, Katharina / Moser, Heinz (2005) Media and Processes of Identity Formation in the Context of Migration.In: MedienPädagogik 2005 www.medienpaed.com/05-1/ernst_moser1.pdf



Dokumente:

  Moser_Bonfadelli_poster.pdf
Moser_Bonfadelli_poster.pdf (129KB)
12.01.2005    Download >
  Medienmiteilung vom 23. Mai 2006
Medien.pdf (158KB)
23.05.2006    Download >
  NFP 52 Projekt Moser summary
NFP52_Moser_summary_d.pdf (226KB)
10.07.2006    Download >
  Artikel im terra cognita 11/2007
terra_cognita_07.pdf (99KB)
23.10.2007    Download >

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