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Bühnen der Öffentlichkeit: Kinder und Jugendliche setzen sich in Szene

Zusammenfassung der Resultate

Hintergrund und Ziele
Das Projekt befasst sich mit der Aneignung von öffentlichen Stadträumen durch Kinder und Jugendliche. Ziel ist die Untersuchung von Kindertreffpunkten und jugendkulturellen Szenebildungen in einem Neubau- und Umstrukturierungsgebiet in Zürich sowie von exemplarisch ausgewählten öffentlichen Räumen im Stadtzentrum als Schnittstellen mit der Erwachsenenwelt. Öffentliche Räume ermöglichen für Jugendliche wesentliche Kontakte mit alltäglichen Sozialräumen der Erwachsenengesellschaft sowie das Erproben von eigenmächtiger Aneignung von Gesellschaftsräumen. Das vorliegende Projekt geht daher von der These aus, dass die Chancen öffentlicher Räume als Orte der intergenerationellen Begegnung und Konfliktaushandlung bislang zu wenig genutzt werden.

Im Norden Zürichs, beim Bahnhof Oerlikon, entsteht seit gut fünf Jahren ein neuer Stadtteil auf einem ehemaligen Industriegebiet. «Neu-Oerlikon» ist der Name des Gebietes, in dem 12'000 Arbeitsplätze und Wohnungen für 5'000 Personen entstehen. Der Stadtteil gilt als Pionierprojekt, bei dem in grossangelegten Wettbewerbsverfahren architektonisch anspruchsvolle Bauten sowie aufwändig gestaltete und international beachtete Plätze grösstenteils bereits verwirklicht wurden. Auch wenn ein grosser Teil der Bauten bereits bezogen ist, beklagen die BewohnerInnen bislang jedoch das fehlende Leben, Anonymität, zu wenig Treffpunkte, die «Kälte» der Architektur und das perfekte Design der Pärke.

Vor diesem Hintergrund geht ein von 2003-2006 durchgeführtes Nationalfondsprojekt der Frage nach, wie Kinder und Jugendliche sich ein solches Neubaugebiet aneignen, wie sie mit der gestalterischen Perfektion der Aussenräume umgehen, wie sie das Quartier in Besitz nehmen und welche Identifikationsangebote sie darin sehen. Im Vordergrund steht dabei die Frage, an welchen Schnittstellen sich innerhalb dieses Forschungsfeldes Konflikte oder Entfaltungsmöglichkeiten für Verständigungsprozesse zwischen den Generationen ergeben und mit welchen Massnahmen diese beeinflusst bzw. gefördert werden können. Ziel ist die Erstellung einer qualitativen Analyse, von vier Videodokumentationen sowie eine Taxonomie der untersuchten Räume unter besonderer Berücksichtigung von Ressourcen- und Gestaltungspotentialen für Kinder und Jugendliche, aber auch von Konfliktbereichen mit anderen Generationen.

Das Projekt steht vor dem Hintergrund einer nach wie vor ungenügend behandelten Untersuchung der Bedeutung des Wohnumfeldes für den Alltag und die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Die Forschungsergebnisse sollen daher interessierten Kreisen aus kinder- und jugendpolitischen Bereichen, aus quartierbezogenen sozialen Institutionen, der sozialwissenschaftlichen Forschung, der Rechtssprechung bei konfliktiven Nutzungsmustern im öffentlichen Raum sowie der Nutzungsüberprüfung raumplanerischer und gestalterischer Massnahmen in Neubauquartieren dienen.

Im Vordergrund stehen u.a. folgende Forschungsfragen:

1. Inwiefern ermöglichen oder behindern raumplanerische und architektonische Massnahmen Bedürfnisse nach Aneignung und Veränderung der gebauten Umwelt sowie nach Kontakten und Auseinandersetzungen mit der Erwachsenenkultur?

2. Welche Funktionen erfüllen die seit einigen Jahren vermehrt genutzten «klassischen Erwachsenenbereiche» (z.B. Vorplatz der ETH Zürich, Skatertreff vor ABB-Gebäude beim Bahnhof Oerlikon) für Kinder und Jugendliche im Zusammenhang mit der Begegnung und Auseinandersetzung mit der Erwachsenengesellschaft?

3. Inwieweit bieten solche «Rückeroberungen» Chancen zur Erfüllung von existenziellen Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen?

4. Inwiefern sind gegenwärtige Jugendszenen vor diesem Hintergrund Ausdruck einer eigengestalterischen Nutzung von Erwachsenenräumen?

Methoden und Vorgehen
Das Projekt verfolgt einen explizit interdisziplinären Ansatz im Schnittbereich zwischen raum- und planungsrelevanter Forschung sowie sozial- und kulturwissenschaftlicher Kindheits- und Jugendforschung. Auf der Basis eines methodenpluralen, qualitativen Zuganges sollen anhand von Fallstudien sozial relevante Aspekte zwischen den Generationen (z.B. konfliktive Begegnungen mit Erwachsenen), aber auch raum- und gestaltungsrelevante Aspekte (architektonische Qualitäten der aufwändig gestalteten Plätze, Beschaffenheit von Grenzen und Übergängen usw.) sowie rechtsrelevante Faktoren (Nutzungsvorschriften, bewusste Absichten zum Rechtsbruch usw.) untersucht werden.

Ergebnisse
Die Ergebnisse bestätigen, dass Jugendliche eine Vorreiterrolle beim Entdecken öffentlicher Räume ausüben, aber auch Expertenwissen über urbane Qualitäten sowie eigene Regeln einer verantwortlichen Nutzung der Räume entwickeln. Erwachsene wiederum sind massgeblich an der Gestaltung städtischer Öffentlichkeit beteiligt, entziehen sich jedoch einer öffentlichen Alltagspraxis weitgehend. Generell beruht die intergenerationale Wahrnehmung häufig auf Vorurteilen, gerade gegenüber öffentlich präsenten Migranten-Jugendlichen. Charakteristisch für die Aushandlung von Alltagskonflikten ist zudem die Delegation auf wenige Personen, die in der Regel nicht als Vermittler von Kinder- und Jugendperspektiven ausgebildet sind (z.B. Sicherheitsfirmen).

Der Nachweis für den Einfluss der raumrelevanten Faktoren erweist sich aus methodologischer Sicht als komplex. Als positive Einflussgrösse auf die Aneignung öffentlicher Räume durch Jugendliche kann die Kombination möglichst verschiedenartiger Raumqualitäten bezeichnet werden: Bühnen für Selbstdarstellung, Plattformen, die einen Überblick verschaffen sowie Rückzugsnischen, die auch eine Aneignung durch verschiedene Gruppen ermöglicht. Trotz Bedürfnissen nach Abgrenzung spielen der Bezug zu öffentlichen Räumen der Erwachsenen und die Nähe zu wichtigen Knoten des öffentlichen Verkehrs (z.B. Bahnhof) eine bedeutende Rolle. Als wenig geeignet wurden vor allem zu grosse, offene, unstrukturierte und einfach kontrollierbare Räume erfahren. Gleichzeitig ist gerade bei Jugendlichen, aber auch bei Kindern im Schulalter die Bedeutung einer selbständigen Raumorientierung und darauf basierend die Möglichkeit dynamischer Raumaneignung hervorzuheben.

Weitere Informationen zum Projekt

Das Projekt befasst sich mit der Aneignung von öffentlichen Stadträumen und -plätzen durch Kinder und Jugendliche. Ziel ist die Untersuchung von Kindertreffpunkten und jugendkulturellen Szenebildungen in einem Neubaugebiet in Zürich anhand von exemplarisch ausgewählten Schnittstellen mit der Erwachsenenwelt.

Hintergrund
Durch die Komplexität des sozial-räumlichen Systems Stadt ist die Aneignung von Räumen zunehmend schwieriger geworden. Spielplätze und institutionell organisierte Treffpunkte bieten zwar Räume für Kinder und Jugendliche, aber keine Auseinandersetzung mit den alltäglichen Sozialräumen der Erwachsenengesellschaft. So bleibt die Strasse für Kinder ein bedeutender Aufenthaltsort und Jugendliche suchen neben der traditionell organisierten Freizeitkultur urbane Orte zur Präsentation ihrer subkulturellen Stile auf.

Ziele
Öffentliche Räume in Städten eignen sich besonders, Potentialen und Konflikten kinder- und jugendkultureller Sozialisation nachzugehen. Zentral ist die Frage, an welchen Schnittstellen sich innerhalb des Forschungsfeldes Konflikte oder Entfaltungsmöglichkeiten für Verständigungsprozesse zwischen den Generationen ergeben und mit welchen Massnahmen diese beeinflusst werden können. Ziel ist die Erstellung einer qualitativen Analyse, eines Videofilms sowie einer sozialräumlichen Topografie für Zentrum Zürich Nord als exemplarisch ausgewähltes Neubaugebiet. Die Schnittstellen zwischen kinder- und jugendkulturellen Szenen mit Erwachsenen sollen mittels eines dafür erstellten Bewertungskatalogs systematisch kategorisiert werden und damit eine Einordnung der betreffenden Räume ermöglichen. Die Ressourcen- und Gestaltungspotentiale für Kinder und Jugendliche, aber auch Konfliktbereiche mit anderen Generationen, werden speziell berücksichtigt.

Methoden/Vorgehen
Das Projekt verfolgt einen interdisziplinären Ansatz zwischen Raum- sowie sozial- und kulturwissenschaftlicher Kindheits- und Jugendforschung. Auf der Basis eines methodenpluralen, qualitativen Zuganges sollen sozial relevante Aspekte zwischen den Generationen, aber auch raum- und gestaltungsrelevante Aspekte sowie rechtsrelevante Faktoren untersucht werden.

Bedeutung
Die Bedeutung des öffentlichen Raumes für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist nach wie vor ungenügend untersucht. Das vorliegende Projekt legt erstmalig den Schwerpunkt auf intergenerationale Begegnungen im öffentlichen Raum sowie auf Handlungspotentiale in einem Neubaugebiet mit aufwändig gestalteten Aussenräumen. Die Forschungsergebnisse bieten daher Anhaltspunkte für sozialpolitisch, rechtlich und stadtplanerisch relevante Massnahmen.

Projektdauer: 01.05.03-31.08.06

Bewilligtes Projekt: CHF 148 506

Proposal no.: 405240-69062

Anschrift des Hauptgesuchstellers:
Dr. Gabriela Muri 
Institut für populäre Kulturen
Universität Zürich
Wiesenstr. 7/9
8008 Zürich
Tel. 01 634 24 32
Fax. 01 634 49 94
E-Mail gmuri@ipk.unizh.ch


Publikationen

Muri, G., Friedrich, S. (2009), Stadtträume – Alltagsräume: Jugendkulturen zwischen geplanter und gelebter Urbanität. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.

Muri, G., Friedrich, S. (2005), Potential Public Spaces in Restructured, Mixed Areas Which are Suitable for Appropriation by Children and Young People. In: AESOP (Hrsg.): The Dream of a GREATER Europe. Book of Abstracts. Congress held at the Vienna University of Technology, Austria on July 13-17 2005. Vi-enna 2005, 357 - 358.

Muri, G. (2005), Begegnungen auf offener Bühne. In: Marie Meierhofer-Institut für das Kind (Hg.): "und Kinder". Kindheit und Kindsein im Spiegel der Zeit, 47-58.

Muri, G., Friedrich, S. (2006), "Warm up" in Neu-Oerlikon. Jugendliche als Pioniere beim Aneignen öffentlicher Räume. In: Anthos, 1, 36-39.

Muri, G. (2006), Scènes publiques: enfants et adolescents se mettent en scène à Zurich. In: Fonds national suisse de la recherche scientifique (Hrsg.): L’im¬pact de la migration sur les enfants, les jeunes et les rela-tions entre générations. Bern, 22-25.

Muri, G. (2006), Öffentlichkeit als Bühne: Wie Jugendliche Freizeit im öffentlichen Raum inszenieren. In: Päda-gogische Hochschule Zürich (Hrsg.): Jugend, Migration, Medien 4, 22-25.

Muri, Gabriela (2006), Kulturanalyse mit Integrationsansprüchen: Zur Produktion und Reproduktion sozialer und kultureller Ordnungen in städtischen Alltagsräumen. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 102, 121-145.



Dokumente:

  Muri_poster.pdf
Muri_poster.pdf (1615KB)
18.01.2005    Download >
  Medienmitteilung 19. Mai 2005
MedienmitteilungMai05.pdf (123KB)
15.06.2005    Download >
  NFP52 Tagung, 6. Dezember 2005
PNR52_Muri_Lsn.pdf (136KB)
30.01.2006    Download >
  Zusammenfassung der Resultate
NFP52_Muri_d.pdf (97KB)
16.01.2007    Download >

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