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Kinder und Scheidung: Der Einfluss der Rechtspraxis auf familiale Übergänge

Zusammenfassung der Resultate

Die Scheidungsrechtsrevision im Jahr 2000 hat die gesetzliche Regelung der Kinderbelange im Scheidungsverfahren bedeutend verändert (Bundesgesetz über die Änderung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches vom 26.6.1998, AS 1999, 1118; BBl 1996 I 1 ff.). So haben sich zum einen die Partizipations-rechte der betroffenen Kinder in Form eines Anhörungs- und Vertretungsrechts substanziell verbessert. Zum anderen wurde das Sorgerechtsystem einer grundlegenden Neugestaltung unterzogen und – als Kernstück der Revision – mit Art. 133 Abs. 3 ZGB die Möglichkeit der gemeinsamen elterlichen Sorge nach Scheidung eingeführt.

Die umfangreiche, transdisziplinäre empirische Studie «Children and Divorce – Current Legal Practices and their Impact on Family Transitions» unter der Leitung von Prof. Dr. iur. Andrea Büchler und Dr. phil. Heidi Simoni untersuchte während knapp dreier Jahre die Erfahrungen mit dem neuen Scheidungsrecht in der Schweiz mit Fokus auf das Wohl betroffener Kinder.

Ziel der Studie ist es, die Realität und Lebenslage von Eltern und Kindern im Scheidungsverfahren und nach der Scheidung aus juristischer, soziologischer und pädagogisch-psychologischer Perspektive zu beleuchten und mit sozialwissenschaftlichen Methoden zu erforschen. Im Zentrum der Untersuchung steht dabei die scheidungsrechtliche Praxis, die Erarbeitung und Umsetzung von Regelungen im Alltag für und durch Familien, die Neuerungen des revidierten Scheidungsrechts mit Blick auf Interessen und Rechte betroffener Kinder, Zufriedenheit und Befinden von Kindern, Müttern und Vätern.

Das durchgeführte Projekt setzt sich aus verschiedenen, in transdiziplinärer Zusammenarbeit durchgeführten Teiluntersuchungen zusammen: Einer Analyse von 567 Scheidungsakten von 18 erstinstanzlichen Gerichten, einer schriftlichen Befragung von 2’112 geschiedenen Müttern und Vätern und einer mündlichen Befragung von 23 Familien sowie 14 Richterinnen und Richtern. Alle Untersuchungen konzentrieren sich regional auf die Kantone Zürich, Basel-Landschaft und Basel-Stadt. Zeitlich beschränkt sich das Projekt auf Scheidungen der Jahre 2002 und 2003. Die Datenerhebung zur Fragebogenuntersuchung fand im Frühjahr 2005, diejenige zur Analyse von Scheidungsakten vornehmlich in der ersten Hälfte des Jahres 2005 und die mündliche Befragung von Eltern, Kindern und Richtern in der Zeitspanne zwischen Ende 2004 bis Mitte 2006 statt.

Die Studienergebnisse zeigen, dass der überwiegende Teil der Kinder und Eltern zwei bis drei Jahre nach der Scheidung mit ihrem Leben weitgehend zufrieden sind. Die Untersuchung zeigt jedoch auch, dass es sowohl bei 75% Väter ohne Sorgerecht, wie bei einem Drittel Mütter mit gemeinsamer elterlicher Sorge zu belastenden und konfliktträchtigen Situationen kommt. Heute wird bei einer Scheidung in zwei Drittel der Fälle die elterliche Sorge einem Elternteil alleine und in einem Drittel gemeinsam zugeteilt. Dies geschieht weitgehend unabhängig von der konkreten Betreuungssituation. Gemäss Untersuchung leben 86% der Eltern ein traditionelles Modell elterlicher Aufgabenteilung: die Mutter ist weitgehend für die Kinder zuständig und meist Teilzeit erwerbstätig. Der Vater ist Vollzeit erwerbstätig und pflegt Besuchskontakte zu den Kindern. Einzig Mütter und Väter mit gemeinsamer Sorge, die sich auch die Betreuung der Kinder teilen, sind übereinstimmend hoch zufrieden mit den Vereinbarungen und dem Alltag. Vor diesem Hintergrund empfielt das Forschungsteam ein Sorgerechtsmodell, das der emotionalen Verbundenheit zwischen Kindern und Eltern gerecht wird, zugleich aber der gelebten Betreuungs- und Beziehungsrealität, insbesondere dem Spannungsverhältnis zwischen der sorgerechtlichen Entscheidungsbefugnis und der Lebenswirklichkeit Rechnung trägt:

1. Die elterliche Sorge soll von Gesetzes wegen – auch nach einer Scheidung – beiden Elternteilen zustehen und einzig aus Erwägungen des Kindesschutzes entzogen werden.

2. Eine Kindeswohlprüfung, also eine Überprüfung der getroffenen Regelungen hinsichtlich der Kinder sowie eine Anhörung der Kinder ist im Scheidungsverfahren zwingend. Entsprechend müssen die Eltern über die Anteile an der Betreuung und die Verteilung der Unterhaltsbeiträge für das Kind eine Vereinbarung treffen.

3. Der betreuende Elternteil soll weitgehend autonome Entscheidungsbefugnisse haben. Bei bestimmten Entscheidungen besonderer Tragweite soll die Zustimmung des andern Elternteils erforderlich sein. Dieser soll ferner die Möglichkeit haben, in bestimmten Fällen einzugreifen und Entscheidungen im Lichte des Kindeswohls gerichtlich überprüfen zu lassen.

Die Untersuchung zeigt weiter, dass die Beteiligung der Kinder an der Reorganisation des Familienlebens in der Praxis von Gerichten und im Alltag von Familien entgegen den rechtlichen Vorgaben noch kaum ausreichend gewährleistet ist. Grundsätzlich findet eine wirkliche Auseinandersetzung mit den Wünschen und Bedürfnissen der Kinder viel zu selten statt. So ist auch das Bewusstsein, dass eine Kindesanhörung Bestandteil des Persönlichkeitsrechts des Kindes ist, mehrheitlich noch nicht vorhanden. Vor diesem Hintergrund formuliert das Forschungsteam mit Blick auf das weitere Vorgehen zur wirkungsvollen Umsetzung der Partizipationsrechte folgende Erfordernisse:

1. Erforderlich ist eine ernsthafte Reflexion über die Beteiligung von Kindern im Falle der Trennung und Scheidung ihrer Eltern. Dies ist eine gesellschaftliche Aufgabe, der sich Eltern, beratende Fachpersonen und Behörden gleichermassen stellen müssen.

2. Der Ablauf des Trennungs- und Scheidungsverfahrens ist bezüglich funktionaler Positionierungen von Kindesanhörungen zu überprüfen. Form, Inhalt und Konsequenzen derselben sind zu diskutieren und in der Praxis einheitlicher zu gestalten.

3. Es besteht ein Ausbildungsbedarf zur Anhörung von Kindern hinsichtlich kinderrechtlicher, entwicklungspsychologischer und kommunikationspsychologischer Schwerpunkte.

4. Fachpersonen unterschiedlicher Disziplinen müssen für die Kindesvertretung im Scheidungsverfahren ausgebildet werden, damit diese Möglichkeit der stellvertretenden Partizipation in komplexen Situationen tatsächlich genutzt werden kann.

Kommunikation von Ergebnissen und Empfehlungen zur Regelung der elterlichen Sorge

Die Ergebnisse zeigen, dass das gültige Sorgerechtsmodell zwar praktikabel, als Ganzes aber unbefriedigend ist. Umfassende Entscheidungsbefugnisse von Eltern, die den Alltag des Kindes nicht teilen, scheinen nicht funktional zu sein. Die Zufriedenheit der beteiligten Mütter und Väter ist nur dann übereinstimmend gross, wenn rechtliche Sorge und alltägliche Verantwortung geteilt werden. Eine partnerschaftliche Aufgabenteilung ist allerdings – vor und nach der Scheidung – immer noch die Ausnahme.

Das zurzeit gültige Modell gemeinsamer elterlicher Sorge scheint weder zu einer egalitären Aufgabenverteilung zwischen Müttern und Vätern beizutragen noch das Spannungsfeld zwischen hauptbetreuenden Elternteilen (meist Mütter) und nicht hauptbetreuenden Elternteilen (meist Väter) zu entschärfen.

Auf dem Hintergrund der Ergebnisse der Untersuchung empfiehlt sich ein Sorgerechtsmodell, das der emotionalen Verbundenheit zwischen Kindern und Eltern gerecht wird, zugleich aber der gelebten Betreuungs- und Beziehungsrealität Rechnung trägt:

1. Die elterliche Sorge soll von Gesetzes wegen – auch nach einer Scheidung – beiden Elternteilen zustehen und einzig aus Erwägungen des Kindesschutzes entzogen werden.

2. Die sorgerechtlichen Entscheidungsbefugnisse haben sich an der Lebenswirklichkeit des Kindes zu orientieren.

3. Die Eltern müssen über die Anteile an der Betreuung des Kindes und an den finanziellen Aufwendungen für das Kind eine Vereinbarung treffen.

4. Auf eine Kindswohlprüfung und auf eine Anhörung der Kinder darf im Scheidungsverfahren nicht verzichtet werden.


Weitere Informationen zum Projekt

Die Studie untersucht erste Erfahrungen mit dem revidierten Scheidungsrecht in der Schweiz, also die aktuelle Scheidungspraxis und den Alltag von Scheidungsfamilien nach dem Jahr 2000. Im Fokus steht dabei das Befinden der von Scheidungen betroffenen Kindern und Jugendlichen.

Hintergrund
Im Jahre 2002 waren in der Schweiz 12 718 unmündige Kinder von der Scheidung ihrer Eltern betroffen. Die im Scheidungsverfahren getroffenen Entscheidungen tangieren dabei regelmässig die Interessen und das Wohl des Kindes. Bisher fehlen empirisch gesicherte Daten über die Anwendung des revidierten Scheidungsrechts, über die bei Scheidungen getroffenen Entscheide und über deren Umsetzung im Alltag. Der bestehende Erkenntnisbedarf soll mit dieser Studie gedeckt werden.

Ziele
Ziel der Untersuchung ist es in erster Linie die Realität und Lebenslage der Kinder im Scheidungsverfahren und nach der Scheidung zu erforschen und sie am Massstab «Kindeswohl» zu messen. Fragen, wie die Interessen von Kindern und Jugendlichen im Scheidungsverfahren eruiert und berücksichtigt werden, ob und in welcher Form sie während und nach der Scheidung an der Entscheidungsfindung partizipieren und auf den Alltag Einfluss nehmen können und welche rechtlichen Lösungen ihnen am ehesten zu Gute kommen, sollen beantwortet werden. Weiter werden die Anforderungen herausgearbeitet, die sich daraus ans geltende Recht, an Gerichte und an Fachleute anderer Professionen stellen. Schliesslich soll die Frage beantwortet werden, ob der Einbezug der Perspektive des Kindes, wie ihn das Gesetz fordert, in der Scheidungswirklichkeit tatsächlich angemessen umgesetzt wird.

Methoden/Vorgehen
Mit einer Aktenanalyse und einer schriftlichen Befragung von geschiedenen Eltern wird ein repräsentativer Überblick zur aktuellen Scheidungspraxis und Realität der Familien nach der Scheidung erarbeitet. 30 Familiensysteme (Kinder, Eltern, Fachleute) werden mit halb strukturierten Interviews zweimal im Abstand von 9 Monaten vertieft befragt sowie 10 Familien als Einzelfälle analysiert. Ergänzend werden mit Richterinnen und Richtern Leitfadeninterviews durchgeführt.

Bedeutung
Die Untersuchung beschäftigt sich transdisziplinär mit Ressourcen und Risiken einer komplexen Übergangssituation im Lebenslauf von Familien. Sie leistet damit einen Beitrag zur Prävention von Verhaltens- und Entwicklungsstörungen bei Kindern. Auf der Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse können Empfehlungen zur Umsetzung und Weiterentwicklung des geltenden Rechts sowie zum Einbezug und zur Unterstützung von Kindern von sich in Scheidung befindenden Eltern formuliert werden.

Projektdauer: 01.04.04–31.12.06

Bewilligtes Projekt: CHF 470 486

Proposal no.: 405240-103348

Anschrift des Hauptgesuchstellers:
Prof. Andrea Büchler
Lehrstuhl für Privatrecht
Rechtswissenschaftliches Institut
Universität Zürich
Rämistrasse 74
8001 Zürich
Tel. 01 634 48 46
Fax 01 634 43 41
E-Mail andrea.buechler@rwi.unizh.ch  

Dr. Heidi Simoni
Leitung Praxisforschung
Marie Meierhofer-Institut für das Kind
Schulhausstrasse 64
8002 Zürich
Tel. 01 205 52 28
Fax 01 205 52 22
E-Mail simoni@mmizuerich.ch


Publikationen

Steinmann, Blanca (2004). Scheidung der Eltern – und dann? Breit angelegte Forschung über Auswirkungen des neuen Scheidungsrechts. Schweizer Bulletin der Kinderrechte, 10, 2, 8-9

Büchler, A., Simoni, H. (2006). Kinder und Scheidung – interdisziplänere Forschungsergebnisse. In: Büchler, A., Schwenzer, I. (Hrgsg.), Schriftenreihe zum Schweizer Familienrecht, Dritte Schweizer Familienrecht Tage, 23./24. Februar 2006 in Basel, Workshop-Bericht, s. 75 – 81

Cantieni Linus, Gemeinsame elterliche Sorge nach Scheidung, Diss. Zürich 2007;Stämpfli Verlag AG 2007, ISBN 3727228555

Büchler, A., Simoni, H. (Eds.). Kinder und Scheidung. Der Einfluss der Rechtspraxis auf famililae Übergänge. Interdisziplinärer Sammelband. Beiträge des Projektteams mit Ergebnissen aus dem Projekt, Gastbeiträge und Mitgliedern der fachlichen Begleitgruppe, Synthesen der Projektleiterinnen; ; Verlag Rüegger 2007, ISBN 978-3-7283-7253-08773-6

Büchler A., Cantieni L., Simoni H. Die Regelung der elterlichen Sorge nach Scheidung de lege ferenda – ein Vorschlag. FamPra.ch 2/2007, S. 207-227

Simoni, H., Perrig-Chiello, P., Büchler, A. Complex social problems as a major challenge for social science research– the example of children and divorce. In G. Hirsch Hadorn & Ch. Pohl (Eds), Handbook of Transdisciplinary Research

Simoni, H., Perrig-Chiello, P., Büchler, A. (2008). Children and Divorce: Investigating Current Legal Practices and their Impact on Family Transitions. In G. Hirsch Hadorn & Ch. Pohl (Eds), Handbook of Transdisciplinary Research (S. 259-274). Heidelberg: Springer
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Buchveröffentlichung zum Projekt
Kinder und Scheidung
Der Einfluss der Rechtspraxis auf familiale Übergänge
Informationen zum Buch



Dokumente:

  Artikel Horizonte 2006
NFP52_Simoni_d.pdf (101KB)
29.09.2006    Download >
  NZZ Artikel vom 15.07.2006
NFP52_SimoniBuechler_NZZ_060715.pdf (310KB)
17.10.2006    Download >
  Medienmitteilung vom 26.10.2006
NFP52_MM_Büchler_Simoni_061026.pdf (30KB)
26.10.2006    Download >
  Ergänzungen zur Medienmitteilung vom 26.10.2006
NFP52_Fakten_Büchler_Simoni.pdf (50KB)
26.10.2006    Download >
  Artikel Soziale Sicherheit 5/2006
NFP52_BuechlerSimoni_Artikel0506.pdf (99KB)
10.11.2006    Download >
  Interview mit Andrea Büchler im Horizonte, Juni 2008
Horizonte_Buechler_0608.pdf (178KB)
30.07.2008    Download >

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