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Pflegefamilien- und Heimplatzierungen in Planung und Vollzug

Zusammenfassung der Resultage

Fragestellung
Die Platzierung eines Kindes oder Jugendlichen in einem Heim oder einer Pflegefamilie stellt für die betroffene Familie eine einschneidende Massnahme dar. Die Fachleute, welche Fremdplatzierungen planen und durchführen müssen, tragen eine grosse Verantwortung, was immer die Gründe für eine solche Massnahme sind. Manche Kinder brauchen eine spezielle schulische Förderung, andere müssen vor Vernachlässigung oder Missbrauch in der Familie geschützt werden. Die Platzierung kann auch Folge eines Gesetzesverstosses sein.

In der Schweiz gibt es keine Vorschriften, wie eine Fremdplatzierung einzuleiten ist, welche fachlichen Qualifikationen die platzierenden Personen mitbringen oder welche Hilfsmittel sie zur Hilfeplanung einsetzen müssen. Gemäss UNO-Kinderrechtskonvention muss die Meinung von Kindern in wichtigen Angelegenheiten angemessen berücksichtigt werden. Unklar ist, was das im Falle einer Pflegefamilien- oder Heimplatzierung konkret bedeutet. Forschungsresultate belegen, dass der Einbezug von Eltern und Kindern in den Entscheid und die Durchführung von Fremdplatzierungen die Chancen erhöht, tragfähige und entwicklungsfördernde Lösungen zu finden.

Da bisher kaum Kenntnisse über das Zusammenwirken von Familien und Fachleuten bei Fremdplatzierungen vorliegen, versuchte diese Studie die Denk- und Handlungsmuster der beteiligten Personen zu klären. Sie wollte transparent machen, wie die Wahl zwischen Pflegefamilien und Heimen zustande kam, wie zufrieden die Eltern und Kinder mit ihren Partizipationsmöglichkeiten waren und welche Auswirkungen diese Massnahme auf die Familienmitglieder hatte.

Methode
Im Rahmen dieser Längsschnittstudie wurde die Platzierung von 43 Kindern und Jugendlichen mit Wohnsitz hauptsächlich in den Kantonen Zürich, St. Gallen und Thurgau untersucht. Es handelte sich um 14 Mädchen und 29 Knaben, 9 von ihnen wurden in Pflegefamilien, 34 in Heimen untergebracht. Soweit möglich wurden die direkt betroffenen Personen dreimal befragt: einmal knapp vor der Platzierung, je einmal 6 und 13 Monate danach. Gesamthaft erfolgten 83 Gespräche mit Eltern, 91 mit Kindern bzw. Jugendlichen, 87 mit den Sozialarbeitenden (oder Personen mit vergleichbaren Aufgaben), 60 mit Mitarbeitenden von Heimen und 16 mit Pflegeeltern. Alle 337 Interviews wurden vom Tonband abgeschrieben und zusammen mit Informationen aus Fragebogen und Tests ausgewertet.

Wichtigste Resultate
Obwohl die Sozialarbeitenden, die Eltern, teilweise auch die Kinder und weitere Fachleute im Vorfeld der Platzierungen intensive Gespräche führten, waren sie sich in vielen wichtigen Punkten nicht einig. Zwei Drittel der Eltern nannten die Probleme der Kinder als hauptsächliche Gründe für die Platzierung. Bei den Fachleuten war es nur rund die Hälfte. Auch die Belastungen, denen die Kinder und Jugendlichen vor der Platzierung ausgesetzt waren, stuften die Eltern deutlich geringer ein als die Sozialarbeitenden. Daraus lässt sich ein gewisses Konfliktpotential ablesen, das jedoch nur selten zu einer Unzufriedenheit der Eltern gegenüber den Fachleuten führte.

Es war den meisten Sozialarbeitenden ein wichtiges Anliegen, die Eltern in die Überlegungen zur Bedeutung einer Platzierung einzubeziehen und ihre Zustimmung für ein Heim oder eine Pflegefamilie zu gewinnen. Die Partizipation der Kinder dagegen fanden die Sozialarbeitenden deutlich weniger wichtig. Die weitgehend positiven Erfahrungen der Eltern mit den Sozialarbeitenden darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass einzelne Platzierungen gegen den erbitterten Widerstand der Eltern und der Kinder erfolgten, Ärger und grosses Leid auslösten.

Als gravierendste Probleme in ihrer Arbeit bezeichneten die Sozialarbeitenden die komplexen familiären Probleme, die beschränkte Zahl an verfügbare Plätze in Pflegefamilien und Heimen, Zeitdruck und Probleme in der Zusammenarbeit mit den Familienmitgliedern. Sie erlebten es als äusserst anspruchsvoll, die Verantwortung für das Kindeswohl zu tragen und zwischen den manchmal unvereinbaren Interessen der Beteiligten entscheiden zu müssen.

Nach einem Jahr beurteilten die Kinder und Jugendlichen ihre Platzierung deutlich weniger erfolgreich als die Eltern, die Sozialarbeitenden und die Pflegeeltern bzw. die Mitarbeitenden in Heimen. Dagegen zeigten sich bei den Befragten keine Unterschiede in der Beurteilung des Platzierungserfolgs, ob die Platzierung nun in einem Heim oder einer Pflegefamilie erfolgt war oder ob es sich um eine jugendstrafrechtliche Massnahme oder eine Platzierung aus anderen Gründen handelte. Entgegen früheren Forschungsbefunden waren die Platzierungen in dieser Studie nicht erfolgreicher, wenn die Eltern und Kinder stärker in den Platzierungsprozess einbezogen wurden oder wenn sie mit ihren Mitwirkungsmöglichkeiten zufriedener waren.

Empfehlungen
- Staatliche Organe sollten verbindliche Standards der Massnahmenplanung und der Qualitätssicherung bei Fremdplatzierungen vorgeben. Bei jeder Platzierung müssen (mindestens) zwei Fachleute beteiligt sein.

- Die Verantwortung für Heim- und Pflegefamilienplatzierungen ist ausgebildeten Fachkräften zu übertragen. Deren Weiterbildung und fachliche Unterstützung durch Kompetenzzentren, Übersetzungsdienste und erprobte Hilfsmittel u.a. sollte verbessert werden.

-
Es braucht eine ausreichende Zahl teil- und vollstationärer Heim- und Pflegefamilienplätze, die den unterschiedlichen Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen gerecht werden.

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In der Öffentlichkeit und bei Fachleuten ist das Bewusstsein für die partizipativen Rechte von Kindern und Jugendlichen zu fördern.

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Für die Planung und Steuerung der stationären Jugendhilfemassnahmen braucht es eine gesamtschweizerische Statistik der Heim- und Pflegefamilienplatzierungen.

Weitere Informationen zum Projekt

Die Fremdplatzierung eines Kindes oder Jugendlichen stellt einen schwerwiegenden Eingriff in die Autonomie der Familie und das Leben der betroffenen Kinder dar. Meist steht ein akutes Problem im Vordergrund, das rasches Handeln erfordert.
Die Studie analysiert den Entscheidungsprozess, der am Anfang ausserfamiliärer Erziehung steht, die Zufriedenheit der unterschiedlichen Beteiligten und die Auswirkungen dieser staatlichen Massnahme auf das Wohl der betroffenen Kinder und ihrer Familien.

Hintergrund
Trotz der menschlichen, juristischen und finanziellen Tragweite von Fremdplatzierungen bestehen in der Schweiz für Planung und Vollzug wenig verbindliche Verfahrensregeln bzw. Richtlinien für den Einbezug der Betroffenen. Die Verantwortlichen müssen sich deshalb stark auf praktische Erfahrungen abstützen - angesichts der einschneidenden Folgen der Entscheidungen ein grosses Defizit, das durch das Projekt behoben werden soll.

Ziele
Ziel der Studie ist einerseits die Klärung von Denk- und Handlungsmustern der am Platzierungsprozess beteiligten Personen. Die Studie soll Aufschluss darüber geben, welche Mechanismen für die Wahl eines Pflegeplatzes für ein Kind bedeutsam sind und welche Kriterien die Entscheidung zwischen Pflegefamilie und Heim beeinflussen. Andererseits sollen Möglichkeiten und Grenzen der Partizipation der Beteiligten sowie deren Auswirkungen auf die Fremdplatzierung und das Familiensystem aufgezeigt werden.

Methoden/Vorgehen
Das Projekt ist als Längsschnittstudie mit drei Erhebungen geplant:
a) kurz vor der Platzierung (während der Abklärungsphase)
b) 3 Monate nach der Massnahme
c) 12 Monate nach erfolgter Platzierung.
Es werden fünfzig Familien (Kinder, Eltern, evt. Geschwister und weitere Angehörige), in denen erstmalig ein Kind platziert wird sowie die beteiligten Fachleute SozialarbeiterInnen, Pflegeeltern, MitarbeiterInnen in Heimen) befragt. Nebst Leitfadeninterviews kommen ein standardisiertes Messinstrument (SEF) und ein projektives Verfahren (FAST) zur Anwendung.

Bedeutung
Die Studie verspricht Erkenntnisse über Stärken und Schwächen der Entscheidungsprozesse im Zusammenhang mit ausserfamiliärer Erziehung, über verfügbare personelle und strukturelle Ressourcen sowie über die Auswirkungen staatlicher Massnahmen auf das Wohl der Kinder und ihrer Familien. Daraus lassen sich Vorschläge für bereitzustellende Angebote, berufliche Qualifikationen von Fachleuten, juristische Vorgaben und Kooperationsmöglichkeiten von Behörden und Klientinnen und Klienten ableiten.

Projektdauer: 01.05.03-30.06.06

Bewilligtes Projekt: CHF 393 721

Proposal no.: 405240-69000

Anschrift des Hauptgesuchstellers:

Dr. Kurt Huwiler
Stiftung Zürcher Kinder- und Jugendheime
Obstgartensteig 4
Postfach

8035 Zürich
Tel. 043 / 255 14 78
Fax 043 / 255 14 77   
E-Mail kurt.huwiler@zkj.ch  

Barbara Raulf
Pflegekinder-Aktion Schweiz, Fachstelle für das Pflegekinderwesen
Bederstrasse 105a
8002 Zürich
Tel. 01 205 50 40/43
Fax 01 205 59 45
E-Mail barbara.rauf@pflegekinder.ch  

Dr. Hannes Tanner
Bildungsdirektion des Kantons Zürich
Fachstelle für Schulbeurteilung
Ausstellungsstrasse 80
8090 Zürich
Tel. 043 259 78 75

Fax 043 259 78 79
E-Mail hannes.tanner@fsb.zh.ch

Third party funding:
Stiftung Zürcher Kinder- und Jugendheime CHF 96 750
Pflegekinder-Aktion Schweiz CHF 22 150
University of Applied Sciences Eastern Switzerland St. Gallen CHF 33 210
Jugendstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich CHF 39 809

Buchveröffentlichung zum Projekt
Pflegefamilien- und Heimpaltzierungen – Eine empirische Studie über den Hilfeprozess und ie Partizipation von Eltern und Kindern
Weitere Angaben



Dokumente:

  Artikel Soziale Sicherheit 5/2006
NFP52_Huwiler_Artikel0506.pdf (78KB)
10.11.2006    Download >
  Curaviva 11/2006
Interview mit Dr. Kurt Huwiler
Curaviva_2006_Interview_Huwiler.pdf (223KB)
15.12.2006    Download >
  Curaviva 11/2006
Interview mit der Sozialarbeiterin Theres Kunz über die Praxis bei Plazierungen.
Curavia_2006_Interview_Praxis.pdf (168KB)
15.12.2006    Download >
  Curaviva 11/2006
Verbindliche Standarts und eine Qualitätssicherung fehlen. Forderung nach mehr Qualität bei Pflegefamilien- und Heimplatzierungen.
Curaviva_2006_Projekteinleitung.pdf (189KB)
15.12.2006    Download >
  Curaviva 11/2006
Wie ein Vater und sein Sohn die Heimplatzierung erlebt haben.
Curaviva_2006_Bsp_Heimplatzierung.pdf (128KB)
15.12.2006    Download >
  Zusammenfassung der Resultate
NPF52_Huwiler_d.pdf (70KB)
16.01.2007    Download >

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